Die Potterisierung der Welt

3. November 2001, 01:42
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"Wenn Sie glauben, dass um Harry Potter schon zu viel Wirbel gemacht wird, dann warten Sie nur einmal bis Weihnachten 2001." - Claus Philipp (im Jänner 2001, Anm.) über die beispiellose PR-Offensive, die sich rund um die Verfilmung des ersten Potter-Buches abzeichnet.


Die 15-jährige Britin Claire Field lässt im Internet der Begeisterung über ihren liebsten Romanhelden freien Lauf. Seit geraumer Zeit beliefert die Schülerin unter www.harrypotterguide.co.uk andere Fans mit Hintergrundinformationen, neuesten Gerüchten und Spekulationen über mögliche und unmögliche dramatische Wendungen in der Zaubererschule Hogwarts. Mittlerweile gibt es im Netz Hunderte solcher Potter-Sites - und Claire ist stolz darauf, bei einer (relativ privaten) Bestenliste unter die "ersten 10" gereiht worden zu sein. Das motiviert: "Schreibt mir, wenn ihr etwas Neues über Harry und seine Freunde in Erfahrung bringen könnt!"

Erst kürzlich hat Claire Post erhalten, die ihren Eifer ein wenig gebremst haben dürfte: Die Rechtsabteilung des amerikanischen Konzernriesen Time Warner forderte Klarstellungen. Welche Ziele und Absichten verfolge Claire? Arbeite sie etwa gar auf Gewinne hin? Kurzfristig fürchtete das Mädchen, die Website einstellen zu müssen. Jetzt ziert ihr Portal folgende Mitteilung: "Dies ist keine offizielle Harry-Potter-Site. Sie sollte daher nur von Leuten gelesen werden, die wissen, dass sie keine Verbindung zu J. K. Rowling, den Verlagen Bloomsbury oder Scholastics oder gar Warner Bros. hat. Sie ist nicht gewinnorientiert!" Und so weiter. Claire war übrigens nur eine von vielen, die sanft aber bestimmt gewarnt wurden, im Potter-Terrain nicht zu wildern.

Eine ähnliche "Warnung" ziert jetzt nämlich auch www.hpnetwork.f2s.com: Deren Betreiberin "Christie" veröffentlicht aber auch gleich einen Artikel aus dem Wall Street Journal über die Umtriebe von Warner: Harrys Gegenspieler Lord Voldemort sei für die Potterianer wohl nicht länger die einzige Inkarnation des Bösen. Time Warner sei soeben auf dem besten Wege, dem Halunken den Rang abzulaufen. Den ersten Harry-Potter-Film, den der Konzern zu Weihnachten herauszubringen gedenkt, will "Christie" boykottieren. Und ein erstes Foto vom Set, auf dem Kinderdarsteller Daniel Radcliffe ihren Vorstellungen von Harry offenkundig nicht entspricht, kommentiert sie so: "Zumindest die Eule sieht gut aus."

Rückblende: "Eigentlich bin ich schockiert", soll Joanne K. Rowling gesagt haben, und: "Eigentlich ist ein derartiger Aufwand und Rummel rund um ein einzelnes Buch obszön." Als die britische Autorin im Juli des vergangenen Jahres zum vierten Band ihrer Harry Potter-Serie interviewt wurde, die Präsentationen immer aufwendiger wurden und man bei Lesungen vermutlich das Wembley-Stadion hätte füllen können, wirkte sie aufrichtig bestürzt.

Ein paar Zahlen und Daten verdeutlichen, in welchen Sog Rowling und ihre Werke seit 1997 hineingeraten sind bzw. zu welch schwindelerregenden Höhen sich der Boom rund um den pubertierenden Zauberschüler Potter emporgeschraubt hat: "Die Erstauflagen der ersten Bände waren noch bescheiden: Ganze 500 Stück der ersten Hardcover-Auflage von Harry Potter and the Philosopher's Stone wurden gedruckt", schreibt Friedhelm Schneidewind in einem kürzlich erschienenen Potter-Lexikon, und: "Auch beim zweiten und dritten Band traute der englische Verlag Bloomsbury der Sache noch nicht so recht: Harry Potter and the Chamber of Secrets hatte eine Erstauflage von 10.150, Harry Potter and the Prisoner of Askaban von 10.000 Exemplaren. Harry Potter and the Goblet of Fire hingegen wurde mit 1 Million in Großbritannien und 3,8 Millionen Exemplaren in den USA das Buch mit der höchsten Erstauflage aller Zeiten."

Wir sprechen, wohlgemerkt, von einem Zeitraum von knapp drei Jahren, in dem "ein Kinderbuch unter vielen" plötzlich für Millionen Menschen zu einer der prägenden Sagas wird. Und der Höhepunkt der Potter-Hysterie ist noch lange nicht in Sicht. Man muss sich folgende Aussage eines Brancheninsiders auf der Zunge zergehen lassen, der gegenüber dem Daily Express meinte: "Wenn Sie glauben, dass um Harry Potter schon zu viel Wirbel gemacht wird, dann warten Sie nur einmal bis Weihnachten 2001!" Einen siebenstelligen Dollarbetrag hat Warner an Rowling für die Urheber-und Verwertungsrechte der ersten beiden Potter-Romane überwiesen: Und langsam greifen die Strategien der Filmbosse, dass diese Investition vielfach vermehrt Rückflüsse zeitigt. Die Zeichen stehen gut, dass auch Rowling, die bereits mit einem Vermögen von umgerechnet 760 Millionen Schilling die bestverdienende Frau Großbritanniens ist, ihren Reichtum vervierfachen dürfte: Jetzt erst starten Produktion und Vertrieb diverser Merchandising-Artikel. Und Rowling ist an allen beteiligt.

Computerspiele, Potter-Quiz-Karten, Puzzles, Teetassen sind zu erwarten. Mattel will seine Barbie-Puppenlinie um zauberhafte Facetten bereichern, Lego den ultimativen Hogwarts-Baukasten anbieten: Zwar hat sich Rowling ein Mitspracherecht gesichert: Letztlich muss sie aber auch bereits zur Kenntnis nehmen, dass das goldfarbene, blitzartige Harry-Potter-Filmlogo zunehmend von den Neuauflagen ihrer Romane Besitz ergreift.

Schon jetzt ist absehbar, dass diverse Taschenbuchausgaben irgendwann einmal die Originaltexte als "Buch zum Film" vermarkten werden, inklusive Filmfotos, die den Lesern die eigene Imagination gleichsam abnehmen. Manche reagieren auf diese Zukunftsperspektive mit ähnlicher Ablehnung wie "Christie". Andere finden sich, wie so oft bei "Literaturverfilmungen", damit ab, dass es künftig zwei Paralleluniversen rund um bekannte Figuren, Motive, Konstellationen geben wird. Und irgendwo in nicht allzu ferner Zukunft wird Daniel Radcliffe für nicht wenige Potter-Fans tatsächlich "Harry" sein. Was früher bei höchst beliebten Kinderbuchhelden wie Pippi Langstrumpf nicht vorstellbar war: Der beispiellose Merchandising-Aufwand der Ära nach Star Wars erfordert klar definierte Logos statt mehrdeutigen Titeln: Charaktere, die man auch als Spielzeugfiguren wiedererkennen kann.

Vor diesem Hintergrund wird die Zeit zwischen den Weihnachtsfeiertagen der Jahre 2001 und 2002 für künftige Groß- und Serienprojekte Hollywoods besonders prägend werden. Harry Potter and the Philosopher's Stone tritt bekanntlich gegen den ersten Teil von Peter Jacksons Tolkien-Adaption Der Herr der Ringe an. Schon im Sommer 2002 folgt Star Wars: Episode 2, und der Winter gehört dann wieder Tolkien, während sich die weitere Serienzukunft Harry Potters wohl nach der Größe des Erfolgs von Teil 1 bemessen wird.

Die Verwandtschaften aller drei Sagas geht über Tolkien als Vorbild für George Lucas und Joanne K. Rowling weit hinaus. Bezeichnender Weise geht es in allen drei Fällen um Konfrontationen mit einer bösen Macht, die sich nur langsam, schleichend manifestiert. Es geht um Bündnisse von Sagen- und Märchengestalten gegen diese Macht - und es geht leider nur noch bei Tolkien um die historischen und phantastischen Verluste, die mit jedem Sieg eines solchen Bündnisses auch in Kauf zu nehmen sind. Star Wars verlegte nicht umsonst seine Konflikte in ein SciFi-Ambiente, in dem jeder Sieg vor allem Triumph neuer (Kino-)Technologien ist. Und es war natürlich Kalkül, dass Lucas seine Charaktere gewissermaßen gleich aus dem Geist der Spielzeugkiste neu erfand. Plastik waren sie und Plastik sollten sie in jedem Kinderzimmer wieder sein! Und es gab keinen Fan, der den Geist irgendwelcher "Originale" einklagen konnte: Star Wars musste sich also nicht mit den Ablehnungen herumschlagen, die Harry Potter und auch Der Herr der Ringe jetzt schon ernten.

Während man aber bei Tolkien davon ausgehen darf, dass viele junge Kinobesucher und Wenig-Leser sich noch nicht durch 1000 Seiten Text geschmökert haben, also "unschuldig" konsumieren, was als Literatur eigentlich unverfilmbar scheint, muss Warner im Fall Potter geradezu aggressiv offensiv und schematisierend auftreten: "Harry Potter" ist fürderhin kein Name mehr, sondern eine Marke - und der Zauber, dem er sich in den Büchern fast altmodisch hingibt, wird nun Spielwiese werden für die besten verfügbaren Trick-Techniken.

Es stellt sich derweilen für die weiterhin lesenden Menschen vor allem eine Frage: Wie kann Joanne K. Rowling von all dem Getöse um sie herum ungerührt schreiben? Oft wird behauptet, ihr Konzept für die insgesamt sieben Romane habe von Beginn an festgestanden (kolportiertes letztes Wort der Saga: "Scar"/ "Narbe"). Dennoch beschleicht einen aber gerade beim zuletzt erschienenen Harry Potter und der Feuerkelch das Gefühl, als würde zunehmend eine filmische Wahrnehmung und Umsetzbarkeit das literarische Geschehen diktieren. Dreidimensional animierte Zauberer-Plakate oder Strahlenkäfige, in denen magische Duelle ausgetragen werden: Das alles schreit nach Industrial Light and Magic.

Unterdessen geht der Krieg im Internet munter weiter: Was macht demnächst etwa www.harry.de, die der Harry-Brot-GmbH gehört? Oder www.potter.de (womit man zu einer Unternehmensberatung vorstößt)? Friedhelm Schneidewind dazu und zum Streit rund um die Domain www.harry-im-netz.de: "Die allgemeine Auffassung ist, dass solche allgemeinen Begriffe frei bleiben müssen: Mit Harry könnte ja jeder dieses Namens gemeint sein, z. B. der jüngere Sohn von Prinz Charles, der ja ebenfalls sehr bekannt ist."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 1. 2001)

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