"Das ist ja wie auf einem Schulausflug"

4. November 2001, 22:36
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Tocotronics Dirk von Lowtzow und Kollegen zwischen Schwimmbad und Bus - ein Theater-Experiment

Hannover - Ein Swimmingpool hoch über der Stadt: Zwei junge Leute in Anzügen blicken auf das Lichtermeer unter ihnen. "Troja", meint der eine. "Nee, Hannover", entgegnet der andere. Gelangweilt setzen sie sich an den Beckenrand, lassen die Füße im Wasser baumeln. "Gestern war ich im Theater. Es gab den Sommernachtstraum", sagt der eine. Die Zuschauer, die diesem Dialog folgen, sitzen auch im Theater - nur an einem ungewöhnlichen Ort.

Für das viertägige Autorenfestival "Dramatik 01", das am Donnerstagabend in Hannover Premiere feierte, durften sich die neun jungen Autoren für die Uraufführung ihrer Stücke die Spielorte selber aussuchen. "Wir haben junge Gegenwartsautoren eingeladen, die bisher wenig fürs Theater geschrieben haben", erläutert Schauspielintendant Wilfried Schulz das Konzept dieses ersten Festivals seiner Art in Hannover.

Am Hotel-Pool

Joachim Bessing, Autor und Herausgeber des popkulturellen Quintetts "Tristesse Royal", wählte für sein Stück "Bad" das Schwimmbad Panorama 17 im Congress Hotel. Die beiden Star-Architekten Elmar und Theo unterhalten sich im Pool über ihre Arbeit. Theo sieht das Grundübel der heutigen Kunst "im primitiven Lustgewinn der Massen", während Elmar den Zynismus der Macher verantwortlich macht. Resigniert überlegt Elmar, der nach einem Herzinfarkt an eine Maschine gefesselt ist, sich vom Dach zu stürzen. "Das ist zu hoch. Du wirst Dir wehtun", entgegnet Theo.

Die Zuschauer klatschen begeistert Beifall, auch wenn einige die knapp 40-minütige Inszenierung auf dem Boden oder im Stehen verfolgen mussten. Danach geht es zurück in den Aufzug und dann in den Bus, der bereits unten wartet. "Das ist ja wie auf einem Schulausflug", meint ein junger Mann, als der Dramaturg fragt, ob alle da sind. Danach geht es weiter zur nächsten Station - dem Gehry-Tower in der Innenstadt. Dort präsentiert Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic aus Hamburg, sein Erstlingswerk fürs Theater "Alles wird in Flammen stehen", "eine kurze, rezitative Rock-Oper zur kulturkritischen Auseinandersetzung."

Des weiteren

Auf den beiden anderen Touren gibt es Stücke des Kabarettisten Frank Goosen und der Drehbuchautoren Patrick Schuckmann und David Gieselmann zu sehen. Der Schauspieler Detlef Bothe zeigte sein zweites Theaterstück "Pornostars mit Liebeskummer", der Journalist Alexander von Schönburg "Karriere" über die Beziehung zwischen einem Chefredakteur und einer Klatschkolumnistin. Alexa Hennig von Lange wählte als Spielort für ihr Stück "Baal und ich" ihre ehemalige Schule.

Gesellschaftskritisch ging es auch bei der letzten Vorstellung von Tour 1 zu. Für "Wunderkinder", eine Satire über die möglichen Folgen der Gentechnik, hat sich Slam-Poet Till Müller-Klug die Apostel-Kirche ausgesucht. Wohl kaum ein Ort passte so gut zur Thematik des Stückes: Ein selbst ernannter Wunderheiler predigt von der Kanzel ein Paradies, in dem es nur perfekte Menschen gibt. Leider verlaufen seine Experimente nicht nach seinem Plan und die von ihm erschaffenen Wunderkinder machen sich bereits vor ihrer Geburt selbstständig. "Es ist nicht ihre Schuld. Es ist ihr Erbgut", entgegnen sie lapidar. (APA/dpa)

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