Wenn die Liebe zum Wahn wird

2. November 2001, 09:22
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Paranoia erotica wird zunehmend als ernstzunehmende Störung erkannt

Stuttgart - Unter Verliebtheit und Lust können schon einmal Vernunft und Verstand leiden. Doch Liebe kann tatsächlich auch dauerhaft zum Wahn werden. Mediziner sprechen dann von einer Paranoia erotica, einer ernst zu nehmenden und therapiebedürftigen psychischen Störung, wie die Fachzeitschrift "Der Nervenarzt" berichtet. Sie äußert sich in einer idealisierten romantischen Liebe zu einer eigentlich unerreichbaren Person, die sich von dieser Vergötterung zumeist eher belästigt als geschmeichelt fühlt.

Noch in den fünfziger Jahren waren viele Psychiater dem Bericht zufolge davon überzeugt, dass der Liebeswahn "eine Wahnbildung sexuell unbefriedigter weiblicher Wesen" sei. Doch mittlerweile sei bekannt, dass die Erotomanie nicht einfach eine Mannstollheit sei, betonen Hans-Jörg Assion und Patrick Debbelt vom Zentrum für Psychiatrie der Ruhr-Universität Bochum. Vielmehr fixiere sich die erkrankte Person auf ein Liebesobjekt in herausragender Position - vom Chefarzt über einen Popstar bis hin zu Königen oder Prinzessinnen. 1987 klassifizierte die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung die Paranoia erotica als Subtyp der wahnhaften Störung.

Zwei Formen der so genannten Erotomanie

Die Experten unterscheiden grob zwei Formen der so genannten Erotomanie. Die erste Variante tritt vorwiegend bei allein stehenden Frauen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf. Ihr Liebeswahn bezieht sich meist auf ältere Männer, die sozial höher oder finanziell besser gestellt sind. Aber auch Männer können dem Fachblatt zufolge von der Störung betroffen sein. Als sekundäre Erotomanie bezeichnet die Wissenschaft einen Liebeswahn, der mit einer weiteren psychischen Störung einhergeht, vor allem der paranoiden Psychose sowie affektiven Störungen oder organischen Erkrankungen.

Typisch für die Paranoia erotica ist nach Angaben der Nervenärzte, dass der Patient sich wahnhaft sicher ist, dass die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Blicke, Gesten und jegliche Informationen werden demnach mit pathologischem Ichbezug als Beweis dafür gewertet. Ziel der Patienten sei es, mit der geliebten Person mit Hilfe von Telefonanrufen, Briefen, Geschenken oder Besuchen in Kontrakt zu treten. Auch vor Überwachen, Auflauern und Eindringen in Wohnungen schrecke der Kranke nicht zurück.

Ursachen und Heilungschancen der psychischen Erkrankung sind bis heute nicht endgültig geklärt. Assion und Debbelt verweisen auf neuropsychologische Untersuchungen, denen zufolge bei Patienten Störungen in bestimmten Hirnregionen festgestellt wurden. Die Therapie sollte sich nach dem Grundleiden richten. In jüngster Zeit wird nach Angaben der Psychiater eine medikamentöse Behandlung vor allem mit neueren so genannten Neuroleptika empfohlen. Die meisten Experten gehen dem Bericht zufolge aber davon aus, dass der Liebeswahn ein chronisches Leiden ist, das sich kaum komplett heilen lässt. (APA/AP)

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