Baldrian als Suchtmittel

2. November 2001, 08:58
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Entzugserscheinungen reichen von Schwindel bis zu Herzrhythmusstörungen - Angstpatienten besonders gefährdet

Gelsenkirchen - Es gilt als ebenso wirksame wie harmlose Alternative zu synthetischen Medikamenten gegen Nervosität und Einschlafprobleme: Doch auch Baldrian kann körperliche Abhängigkeit und Entzugserscheinungen auslösen, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde berichtet. Gefährdet seien vor allem Patienten mit Angsterkrankungen, die über einen längeren Zeitraum Baldrian in höhen Dosen einnähmen.

Nicht nur die Zahl der rezeptfrei gekauften Baldriantabletten, -tees und -tropfen steigt nach Angaben der Experten, sondern solche Präparate werden auch immer häufiger von Ärzten verordnet. Die beruhigenden Substanzen des Baldrians sind ätherische Öle und der Wirkstoff Valepotriat. Wie das pflanzliche Heilmittel im einzelnen auf das Nervensystem wirkt, ist den Psychiatern zufolge bisher noch nicht eindeutig geklärt. Gleichwohl hätten sich die Extrakte bei zeitweiligen Unruhezuständen, Prüfungsstress oder vorübergehenden Einschlafstörungen bewährt.

Chronische Angsterkrankungen

Doch immer öfter greifen nach Angaben der Fachgesellschaft auch Menschen mit chronischen Angsterkrankungen zu Baldrian. Sie versuchten sich auf diese Weise selbst zu behandeln, weil sie den Gang zum Nervenarzt scheuten. "Das kann fatale Folgen haben, denn diese Menschen nehmen immer höhere Dosen, um überhaupt noch eine Wirkung zu verspüren", warnt der Leitende Psychiatrie-Oberarzt an den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen, Wimar Lemmer.

Manche Patienten nehmen nach seinen Angaben bis zu 200 Baldrianperlen am Tag oder verbrauchen täglich mehrere Dutzend Teebeutel, ohne dass sich die Krankheit dauerhaft bessert. Wenn Baldrian dann abgesetzt werden müsse, könne es zu ernsten Entzugserscheinungen kommen. Die Patienten litten unter starker Unruhe, Schwindelanfällen, Schweißausbrüchen, erhöhtem Blutdruck und Herzrhythmusstörungen. Sogar Orientierungsverlust bis hin zum so genannten Delirium tremens könne die Folge sein.

Besonders gefährlich seien Baldrianpräparate aus Mexiko oder Indien. Sie enthielten besonders viel Valepotriat. Dieser Stoff könne bei erhöhtem Konsum die Körperzellen schädigen, sagt Lemmer. (APA/AP)

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