Arbeitslosen in Oberösterreich wird "Marienthal"-Film vorgeführt

1. November 2001, 22:42
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Motivationsschub oder "als ob man in einem Scheidungsverfahren den Film 'Der Rosenkrieg' zeigt ..."?

Linz - Die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel gilt seit ihrem Erscheinen 1933 als Pionierleistung auf dem Gebiet der Sozialforschung. Auch der 1988 unter der Regie von Karin Brandauer entstandene Film, der sich mit den Einwohnern des kleinen Ortes Marienthal nach der Schließung des größten Arbeitgebers des Dorfes beschäftigt, war erfolgreich. So erfolgreich, dass er mittlerweile auch Arbeitslosen vorgeführt wird.

Zumindest im oberösterreichischen Bezirk Eferding. Das örtliche Arbeitsmarktservice (AMS) schickt Stellensuchende zu einer privaten Firma, die Qualifizierungsmaßnahmen anbietet. Dort werden die Menschen in Betreuungsgruppen organisiert, und manche dieser Gruppen bekommen dann das Schicksal der Arbeitslosen in den 30er-Jahren zu sehen.

Für die ungenannt bleiben wollende Firma kein ungewöhnlicher Vorgang: "Der Film wird manchmal am Beginn der Gruppenarbeit gezeigt, um Reflexionen über die Arbeitslosigkeit anzuregen. Der Film zeigt zwar die Situation in der Vergangenheit, aber Punkte wie die Entwicklung von sozialen Beziehungen sind noch immer aktuell."

Herwig Kainz, Generalsekretär des Österreichischen Gewerbevereines, kann hingegen nur den Kopf schütteln. "Man sollte die Dinge positiv aufbereiten und nicht Jobsuchende mit solchen Filmen demotivieren", meint er. "Das ist so, als ob man in einem Scheidungsverfahren den Film ,Der Rosenkrieg' zeigt."

Beim Arbeitsmarktservice in Eferding sieht man das anders. "Über die Firma hat es bisher noch nie Beschwerden gegeben, ihre Vermittlungsquote ist auch sehr gut", erklärt Josef Past, Leiter der AMS-Stelle. Die Statistik gibt ihm Recht: Der Bezirk Eferding rangiert seit Monaten mit der geringsten Arbeitslosenquote an der Spitze aller österreichischen Regionen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 11. 2001)

Von Michael Möseneder
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