"Bei der Gesundheit sind Männer nicht die Privilegierten"

1. November 2001, 21:09
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Kongress in Wien sucht nach Ursachen und Abhilfe

Wien - "Bei der Gesundheit sind die Männer nicht die Privilegierten", berichtet Andrea Rieder (Sozialmedizin Uni Wien) dem STANDARD: "Ihre Lebenserwartung liegt weltweit unter der der Frauen, in den westlichen Industrieländern um sechs Jahre. In Österreich etwa werden sie im Durchschnitt 74 Jahre alt, Frauen 80." Woran das liegt und wie es zu ändern ist, soll der weltweit erste Kongress über die "Gesundheit von Männern" klären, den Rieder mit organisiert hat und der heute in Wien beginnt.

"Wir stehen bei den geschlechtsspezifischen Differenzen von Gesundheit und Krankheiten erst am Beginn der Forschung", bedauert Rieder und differenziert biologische und Fragen des Lebensstils: "Männer und Frauen sind bis in die Zellen hinein verschieden ausgelegt, schon die Säuglingssterberate und die Fehlgeburtenrate ist bei Männern höher." Dann fordern in frühem Alter "typisch männliche Verhaltensweisen" viele Opfer: Kleine Buben sterben häufiger bei Spielunfällen. Und unter denen, die im Alter von 18 bis 25 sterben, sterben 70 Prozent an Unfällen, meist im Verkehr, bei Frauen sehr viel weniger.

Risiko Tabakrauch

Aber auch später halten sich Unterschiede: Manche Tumore befallen Männer häufiger, etwa die an Darm und Blase, was mit Ernährungs-, Trink-und Rauchgewohnheiten zu tun haben mag. Und dass über die Hälfte der Männer an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, hat zwar wieder biologische Anteile und einen Grund darin, dass Frauen bis zur Menopause durch Östrogen besser davor geschützt sind. Aber natürlich liegt nicht alles in der Biologie: Übergewicht ist auch ein Risikofaktor für Infarkte, und Tabakrauch ist der Risikofaktor für Lungenkrebs, der allen Fortschritten der Therapie zum Trotz Männer immer früher den Tod bringt: "Lungenkrebs wäre zu über 90 Prozent verhinderbar, wenn nicht geraucht würde."Insgesamt sieht Rieder ein "großes Präventionspotenzial", wenn nur das Interesse mobilisiert werden kann: Männer zeigen sich in Befragungen zwar grundsätzlich an Information über genau jene Krankheiten interessiert, die sie treffen, aber zu Vorsorgeuntersuchungen gehen zu wenige.

In einem sind sie doch privilegiert: Wenn sie alt werden, haben sie bessere Chancen als Frauen, gesund zu bleiben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 11. 2001)

Von Jürgen Langenbach
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