Telekom Austria: Schneller Schilling - Von Michael Moravec

2. November 2001, 12:09
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Einfach toll, was die weitblickenden Strategen der Verstaatlichtenholding ÖIAG und die verantwortlichen Politiker aus der Telekom Austria gemacht haben. Zuerst wurde ein Paket von 25 Prozent mit zusätzlich weit darüber hinausgehenden Rechten an die Telecom Italia verkauft. Die Italiener waren zwar technologisch etwas rückständigere Partner als ebenfalls interessierte US-Unternehmen, aber dafür boten sie einen höheren Kaufpreis. Und der schnelle Schilling war dem Finanzminister (damals noch Rudolf Edlinger) mehr wert.

Dann folgte bereits der Börsengang auf Befehl der schwarz-blauen Regierung gegen den Rat von Experten. Den Ausgabekurs von bescheidenen neun Euro hat die Aktie bisher nie wieder erreicht. Erneut siegte der schnelle Schilling über strategische Überlegungen. Die Idee, die Telekom Austria zuerst zu einem Unternehmen zu machen, das Geld verdient, und es dann zu einem deutlich besseren Preis zu verkaufen, wurde auf dem Altar des Marketingschmähs "Nulldefizit" geopfert. Experten schätzten den Wert der Telekom Austria vor dem Börsengang auf 110 bis 120 Milliarden Schilling ein. Jetzt liegt er etwa bei der Hälfte.

Dies auch deswegen, weil nicht einmal angedacht wurde, was international üblich ist: einen Teil der Erlöse aus dem Börsengang dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Während Konkurrenten so wertvolle Mittel für Expansion, Forschung und Entwicklung bekommen, kassierte in Österreich alles die Muttergesellschaft ÖIAG. Sie hat zwar nun weniger Schulden, sitzt aber auch auf einem Berg von Telekom-Aktien, die sie nur zum Schleuderpreis loswird. Dass die Italiener die Telekom nun schnell verscherbeln, wundert da nicht weiter. Und die Telekom selbst muss nun wieder gelähmt auf neue Eigentümer warten. Eine Meisterleistung in Geldvernichtung. (Michael Moravec, DerStandard, Printausgabe, 2.11.2001)

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