Dorftrottel und Politik: "Mensch, ärgere dich nicht"

1. November 2001, 19:51
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"Das Dorf an der Grenze" am Stadttheater Klagenfurt

Mit einer Dramatisierung des legendären Fernsehfilms "Das Dorf an der Grenze" unternimmt man am Klagenfurter Stadttheater einen ehrenwerten Versuch in politischer Herzensbildung. Und langweilt sich dabei zwischen müden Kalauern und eher nebulosen Regieeinfällen und Assoziationen.


Klagenfurt - Die Weiterverbreitung dieses Filmes müsse "mit allen Mitteln verhindert werden" forderte 1983 der designierte FP-Landesrat Jörg Haider: Der dritte Teil der von Thomas Pluch geschriebenen und von Fritz Lehner inszenierten TV-Serie Das Dorf an der Grenze bescherte dem ORF einen seiner größten Aufreger und nicht nur den Kärntner FP-Politikern Panikattacken.

Über alle Fraktionen hinweg sprach man von "Skandal" und "Fälschung", weil ein trauriges Kapitel der regionalen Zeitgeschichte thematisiert wurde: Das angespannte Verhältnis zwischen Deutsch-Kärntnern und Slowenen bis zum Sturm auf zweisprachige Ortstafeln in den 70ern - im heutigen ORF-Fernsehspiel kann man so viel Brisanz lange suchen. Andererseits hatte Pluchs Script damals auch seine ästhetischen und weltanschaulichen Limits.

Man kann die mitunter recht bieder konstruierten Dialoge also nicht einfach als "Klassiker" auf eine Bühne hieven, und sei es auch die Bühne des Klagenfurter Stadttheaters, dessen Intendant Dietmar Pflegerl sich mit Jörg Haider zwar immer auf einen Seebühnen-Jesus Christ Superstar einigen kann. Gleichzeitig aber auch zeigen will, dass er politisch ein bisschen unbequem sein kann.

Dem Dorf an der Grenze, wie es der Regisseur Alexander Kubelka inszeniert, kann man nicht einmal das zugute halten. Also gut, ein paar der älteren Herrschaften haben leise das Theater vor der Pause verlassen. Und zum Abschluss gab's keinen fulminanten, aber sanft amüsierten Applaus. Doch was will man mehr - mit einer Reduktion auf kabarettistische Kärnterisch-für-Anfänger-Einlagen, einem Dorftrottel (Andreas Pühringer), der gern den Landeshauptmann abgibt, und einer Szenenfolge, die sich schon mit einem Videovorspann in die Tradition der Seifenoper stellte?

Kubelka scheint selbst gespürt zu haben, dass der von Bernd Liepold Mosser auf der Basis von Pluchs Script montierte, mitunter um fremde Einsprengsel bereicherte Text nicht hält. Auch deshalb setzt der Regisseur auf Zerstreuung und Ausstatter Gerhard Fresacher auf Parallelschauplätze: Der Betrachter kann sich aussuchen, ob er in einem offenen Container, der lange Zeit wortwörtlich über dem Boden schwebt, den Bauern beim Kartenspielen zusehen, oben auf in einer Art Boxring weitere Konflikte oder einfach vorn eine junge Frau betrachten will, die - haha! - "Mensch ärgere dich nicht" spielt.

Dazu noch eine Videoendlosschleife: Zäune, Mauern, Grenzen - Heimat, grobkörnig. Oder so ähnlich. Wenn man mit so viel Parallelaktionen und -assoziationen bei Frank Castorfs Erniedrigte und Beleidigte anschließen will, dann sei dazu nur gesagt: Castorf oder ein Christoph Schlingensief hätten diesen Text so lange zerschlagen und nachher vielleicht mit dem Schloss am Wörthersee zu Blutwurst verschnitten, bis uns das Stadttheater dramatisch um die Ohren geflogen wäre. Der Mangel, dass politische Empörung hierzulande über den Bockerer nie wesentlich hinauskommt, wäre klarer zutage getreten.

So aber: Stadttheater bleibt Stadttheater und daher letztlich kultiviert auf Nummer sicher. Die Schauspieler - allen voran Heinz Trixner als spielwütiger Wirt Karnitscher - mühen sich um Charaktere, wo nur Schemen agieren. Und das Publikum sagt sich: Das gibt es jetzt auch im Angebot. Gibt's denn das?!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 11. 2001)

 Von
  Claus Philipp


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