Des Körpers Komik und der Tinte Tod

1. November 2001, 20:09
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Josef Winkler, konfrontiert mit einer drallen Medien-Blondine - Tina Lanik inszenierte

Für den "steirischen herbst" inszenierte die 27-jährige Tina Lanik in Graz die szenische Adaptation eines Interviews mit Josef Winkler - und verkleinert den wilden Autor zum Helden von der harmlos lächerlichen Gestalt.


Graz - "Dieser Mensch ist ein durchaus komplizierter, blutiger Witz", fasste Bert Brecht seine Bewunderung für Karl Valentin in einen Satz. Ähnliches ließe sich auch über Josef Winkler formulieren. Mit abnehmendem Leidensüberdruck schimmert hinter den Spiralen seines Schreibens ein wilder Witz vor. Spürbar wird die tief befriedigende Provokationslust, mit der er Vater Staat und seine geheiligten Symbole an der Tintenhand in die feuchten Gefilde des Obszönen entführt.

Dem steirischen herbst stellte Josef Winkler nun einen dieser späten Texte zur Verfügung, Tintentod oder du sollst dein Wort halten, die Fortschreibung eines schriftlich geführten Interviews, das der Klagenfurter Germanist Klaus Amann für den Winkler gewidmeten Dossier-Band, der 1998 in Graz bei Droschl erschien, mit selbem führte. Winklers Antworten lassen die teilweise leicht schulmeisterlichen Fragen weit hinter sich, malen plastische, gruselig genaue Lebens-Prosa-Miniaturen.

Ursprünglich als Winkler-Lesung im Rahmen des Literatur-Symposiums gedacht, wurde in der Planung bald eine szenische Lesung daraus, schließlich ein "Auftragswerk", "eine szenische Befragung von Josef Winkler", die der steirische herbst nun in der Regie von Tina Lanik zur Uraufführung brachte. Auftragswerk und Uraufführung, die Begriffe sind etwas irritierend, suggerieren sie doch, hier sei erstmals der Autor Winkler als Dramatiker an die Öffentlichkeit getreten. Diese Entdeckung, auf die man äußerst gespannt sein darf, steht allerdings noch aus, und der herbst beraubt keinen anderen als sich selbst um das Recht der ersten authentischen Winklerschen Theaternacht, soll doch hier, wie man hört, mit einem ersten Drama tatsächlich in den nächsten Jahren zu rechnen sein.


Land-Woody-Allen

In Tina Laniks szenischer Adaptation des Interviews steht Josef Winkler dagegen auf der Bühne, beziehungsweise der Schauspieler Adrian Furrer als Interviewbe- und verantworter Winkler. Tina Lanik erkenne in Winkler ein österreichisch-ländliches Pendant zum Stadtneurotiker Woody Allen, ist im Programmbuch nachzulesen. Und also gibt Adrian Furrer den Autor als Landneurotiker, changierend zwischen räuspernder Nervosität, linkischer Unsicherheit und sich in die Brust werfender Pose, gekleidet in ein großkariertes Sakko und oranges Hemd.

Foto: steirischer herbst
Da sitz ich nun, ich armer Tor - und sage kein Wort: Adrian Furrer als Josef Winkler, befragt von Liese Lyon.

Umwerfend komische Momente hat der Abend, etwa wenn Winkler die Fragen einer drallen Medien-Blondine (Liese Lyon) mit seinen abgehobenen Antworten ad absurdum führt. Wenn der fünfjährige Tristan Bauer als Winkler-Kind loslegt. Wenn das genial einfache, in drei Lebensorte - Wohnung, Kirche, Wiese - zersplitterte Bühnenbild von Magdalena Gut in Dunkel taucht für die Cinemascope-große Erschütterung Lex Barkers vor dem Tod des Apachen Pierre Brice. Zwischen beider Lippen, im Dämmer, klein: der Autor und erklärte Karl-May-Leser Josef Winkler.

Meist jedoch steht Furrer-Winkler allein auf der Bühne, und der Woody Allensche Witz, den Tina Lanik geortet haben will, leitet sich in der Inszenierung weniger aus Winklers Texten her, denn aus der Karikatur seiner öffentlichen Person. Autoren-Arbeit ist Schreibarbeit und sucht daher die Einsamkeit. Ins grelle Licht der Scheinwerfer gezerrt, agieren sie verständlich verunsichert. Ein leichtes, den Autor als lächerliche Figur zu markieren.

Winklers Texte dagegen bringt Furrer schnell, tonlos, leise versteckt. Die Winklersche Wucht, die Winklersche Bildkraft, der Winklersche Provokationsmut fehlen dem Abend schmerzlich.

Harmlos lacht man über den Autor - statt wild mit ihm. Selbst der Kälberstrick taugt nur mehr für einen müden Scherz. So bleibt die bisher beste und reifste, rhythmisch ausgewogenste Regiearbeit der erst 27-jährigen Tina Lanik nach (zu langen) zweieinhalb Stunden kein blutiger, sondern letztlich ein etwas blutleerer Witz.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 11. 2001)

 Von
 Cornelia
 Niedermeier


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