Große Totenmesse zum Weltspartag

1. November 2001, 20:37
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Ein "Deutsches Requiem" aus Dresden

Wien - Betrübliche Kunde vom Weltspartag: Die Österreicher haben keinen Spaß mehr an ihren Sparbücheln. Wenn Banker Trauer tragen, ist ein Requiem fällig. Und über solchen Unbill hinweg zu trösten ist das Deutsche von Johannes Brahms durchaus in der Lage.

Die Sächsische Staatskapelle, verstärkt durch den Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, ist im Goldenen Saal freilich zu Höherem angetreten und sollte den Totengedenktagen das passende Klangambiente verleihen. Doch die Klänge der Gegenwart dröhnen allerdings anders. Das aktuelle Instrumentarium besteht aus Flugzeugen und Raketen. Sprengköpfe sind ihre Noten. Ihr Schlagzeug schlägt tot.

Da komponiert kein Brahms, da spielt kein Sachse, und da singt kein Wiener drüber. Doch, einer: Ein einziger bringt es zustande, in die Schluchten heutiger Erschütterungen abzusteigen und aus diesen, wenn schon nicht tröstliche, so doch nicht minder erschütternde Schönheit zu fördern. Es ist Thomas Quasthoff. Das Psalmenwort "Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben" von ihm gesungen, wurde zur geistigen und emotionalen Code dieses Abends.

Das künstlerische Schlüsselwort dieser Wiedergabe suchte man allerdings vergeblich. Das lag weniger an Laura Aikins allzu still vorgetragenem Sopransolo als an der etwas konservativen Lesart, zu der sich Sir Andrew Davis als Dirigent entschied.

Der formal aufregenden, beinah schizophrenen formalen Verästelung dieses Werkes und der frappierend modernen Weise, wie Brahms die einzelnen Wörter bald semantisch, bald phonetisch deutet, wird man durch stampfendes Nachzeichnen kontrapunktischer Linien und ein paar pastose Crescendi heute kaum noch gerecht.

Hier wurde dem immer wieder beschworenen "großen Bogen" vieles an der irisierenden Vielschichtigkeit dieses Werkes geopfert. Als Spiegelbild seiner Entstehungszeit, die sich über insgesamt zwölf Jahre erstreckte, ist das Deutsche Requiem von geradezu heutiger Unruhe.

Vielleicht hätte Giuseppe Sinopoli diese Gene der Verstörung aufgespürt und das Werk zur Trauermusik auf die Gegenwart gemacht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 11. 2001)

 Von
  Peter Vujica


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