Brabeck-Letmathe: "Keine Konfrontation zwischen Gewinn und Gewissen"

1. November 2001, 23:31
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Schumpeter-Preisträger im STANDARD-Interview

Standard: Herr Brabeck-Letmathe, soziale Verantwortung auch von Weltkonzernen ist seit den Anschlägen vom 11. September hochaktuell. Nestlé fördert und investiert weltweit in unzählige Projekte. Die Finanzmärkte fordern aber ausschließlich möglichst hohe Renditen. Wie gehen Sie mit diesem Konflikt um?


Brabeck-Letmathe:Nestlé ist in der Grundessenz ein soziales Unternehmen. Immerhin wurde unser Konzern gegründet, um im 19. Jahrhundert die hohe Säuglingssterblichkeit in der Schweiz zu mildern. Soziale Verantwortung bedeutet, ein Unternehmen für die Zukunft vorzubereiten, also auch eine langfristige Gewinnoptimierung. Ohne soziales Umfeld kann kein Unternehmen langfristig erfolgreich sein. Kurzfristig sich von einem Quartalsbericht zum nächsten treiben zu lassen bringt nichts. Es gibt keinen Konflikt zwischen Gewinn und Gewissen.


Standard: Ist die Bereitschaft von Nestlé, sich an der Rettung der Swissair finanziell zu beteiligen, Ausdruck einer sozialen Verantwortung oder ein strategisches Investment?


Brabeck-Letmathe: Wir sind bereit, auf Bitte der Schweizer Regierung einen finanziellen Beitrag zu leisten. Für uns ist das Bestehen einer Schweizer Fluggesellschaft wichtig, weil erstens das Image der Schweiz auf dem Spiel steht und wir seit 135 Jahren von dem guten Ruf profitieren, zweitens gute Flugverbindungen im Interesse eines globalen Unternehmens sind und drittens wir nicht in einem Vakuum leben: Wir müssen soziale Verantwortung übernehmen, wenn das notwendig ist. Das ist im Sinn des Unternehmens.

Standard: Die Dritte Welt gilt als Verlierer der Globalisierung.
Brabeck-Letmathe: Die Globalisierung schafft jährlich rund 34 Millionen Jobs, und seit den 80er-Jahren sind 625 Millionen Menschen, die vorher unter der Armutsgrenze leben mussten, aus dieser Kategorie aufgestiegen. Das hat es vorher noch nie gegeben. (Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 2.11.2001)

Der Kärntner Peter Brabeck-Letmathe ist seit 1997 Chef des Nahrungsmittelriesen Nestlé. Im Gespräch mit dem Standard meint er, dass auch die Länder der Dritten Welt durch die Globalisierung gewinnen.
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