Peter Scholl-Latour : "Gehen grausamen Zeiten entgegen"

2. November 2001, 21:24
28 Postings

Der Publizist warnt seit Jahren vor einem Islam auf Konfrontationskurs - Ein STANDARD-Interview

STANDARD-Mitarbeiterin Hannelore Gude Hohensinner aus Berlin

Standard: Was ruft derartige Ohnmachtsgefühle in der muslimischen Welt hervor, dass der 11. September unausweichlich war?
Scholl-Latour: Der Terror richtete sich nicht gegen die westliche Zivilisation. Nicht gegen Europa, ja nicht einmal gegen die USA. Für die Wertvorstellung der Täter geht es darum, in der islamischen Welt Regierungsformen zu errichten, die dem Idealbild eines islamischen Staates entsprechen. Sie wollen die Regime von Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien und den Emiraten, die ja im Wesentlichen von Amerika getragen werden, durch Regierungen ersetzen, die gottgefälliger sind.

Da diese Veränderungen aber nicht möglich sind, weil die mächtige Hand Amerikas schützend darüber liegt, sagt man sich in diesen Kreisen, dass die Rückkehr zu islamischen Werten erst dann möglich ist, wenn der verderbende Herrschaftsanspruch der Amerikaner ein Ende genommen hat und die jetzigen Regierungen, von denen de facto nicht eine einzige demokratisch ist, beseitigt sind.

STANDARD: Osama Bin Laden gilt als hochintelligenter Mann. Ihm muss doch die Utopie eines Gottesstaates bewusst sein.
Scholl-Latour: Er bedient sich nur der vorhandenen Konstellationen, das allerdings intelligenter als die USA. Aber in Washington und Langley (CIA-Centrale) hat man das Talent, sich immer neue Frankenstein-Monstren heranzuzüchten, wie etwa Saddam Hussein, den man gegen den Iran hochgerüstet hatte.

STANDARD: Was taugt überhaupt eine amerikanische Außenpolitik, die systematisch mit den falschen Bündnispartnern fraternisiert?
Scholl-Latour: Das ist die Frage. Im Augenblick steht man wieder vor einem Kreuzweg. Pakistan drängt auf eine Verständigung mit dem gemäßigten Teil der Taliban, um eine mögliche Spaltung zu erreichen, auf US-Seite setzt man militärisch aber auf ein Bündnis mit der Nordallianz. Es muss jedem klar sein, dass man Afghanistan nicht durch Ausgrenzung der paschtunischen Mehrheit befrieden, geschweige denn regieren kann.

STANDARD: Es gab weltweit eine überwältigende Bereitschaft, gegen den internationalen Terrorismus vorzugehen. Da haben sich Staaten in die Antiterrorbresche geworfen, die alles andere als demokratische Verhältnisse haben.
Scholl-Latour: Die Vereinigten Staaten haben in der Vollversammlung der Vereinten Nationen für ihre Terrorismusbekämpfung die Zustimmung sämtlicher Staaten der Welt bekommen - 180 an der Zahl. Davon werden zwei Drittel - um bescheiden zu sein - von Diktatoren regiert, von brutalen Militärcliquen, teilweise sogar von richtigen Mördern. Die sagen sich: Früher mussten wir uns für die Unterdrückung der Opposition rechtfertigen - jetzt bekämpfen wir Terroristen. Wie wichtig den USA das Wohlwollen Russlands ist, lässt sich anhand von Terminologieverschiebungen erkennen: Tschetschenen galten vor kurzem noch als Freiheitskämpfer, jetzt sagt der deutsche Bundeskanzler, man müsse das viel differenzierter sehen.

STANDARD: Hat Bin Laden gehofft, durch den Terrorangriff auf die USA und deren Vergeltungsmaßnahmen einen islamischen Flächenbrand zu entfachen?
Scholl-Latour: Osama Bin Laden wird ungeheuer hochgespielt. Vor 1998 war sein Name für die breite Masse kein Begriff. Dann kamen die Attentate in Afrika, und seitdem wird er von den USA systematisch aufgebauscht. Man weiß bis heute nicht mit letzter Sicherheit, ob er tatsächlich für die Anschläge des 11. September verantwortlich ist, aber es ist immer schon amerikanische Strategie gewesen, alles auf einen Feind zu konzentrieren.

STANDARD: Die USA haben die Mudjahedin unterstützt, so lange sie sowjetische Ressourcen gebunden haben. Unangenehm fiel nur auf, dass Afghanistan zum größten Opiumlieferanten wurde. Erst die Interessen eines Öl-Multis haben Afghanistan wieder auf die US-Agenda gebracht.
Scholl-Latour: Anrüchig am US-Imperialismus ist, dass er immer von merkantilen Vorstellungen getragen wird. Während des Bürgerkriegs nach Abzug der Sowjets haben die USA weggeschaut und Afghanistan erst wiederentdeckt, als seine Lage für die wirtschaftlichen Interessen Amerikas wichtig wurde. Denn mit der Einstufung der arabischen Halbinsel als einen möglichen zukünftigen Krisenherd bekamen die Bodenschätze Zentralasiens strategische Bedeutung. Über russisches Territorium wollte man keine Pipeline bauen, denn dann hätte man sie am Gewinn beteiligen müssen, und außerdem war die Freundschaft noch zu neu - man misstraute den Russen einfach -, über iranisches Gebiet war undenkbar, also über Afghanistan. Die Route sollte über Herat und Kandahar zum indischen Ozean verlaufen. Als Stabilisierungsmacht sollten die Taliban aufgebaut werden, islamische Fanatiker, die selbst den Mullahs im Iran zu radikal waren.

STANDARD: Hat Sie die Professionalität des 11. September überrascht?
Scholl-Latour: Ja, enorm. Dazu hat es einer ausgeklügelten Infrastruktur bedurft. Niemand soll erzählen, dass diese Infrastruktur in Deutschland gewesen wäre. Da gab es Schläfer, da gab es Sympathisanten, aber die Kommandozentrale war in den USA.

STANDARD: Noch vor einem Jahrzehnt hätte der westliche "way of life" die Attentäter, die ja lange Zeit als Schläfer im Westen gelebt haben, so korrumpiert, dass ihre Mission zweitrangig geworden wäre. Was macht unsere Kultur so abstoßend, dass der Wunsch nach Vernichtung über Jahre fortbesteht?

Scholl-Latour: Sie hat ihre Attraktivität verloren. Es ist noch nicht so lange her, dass selbst in Ländern, die eine kulturelle Überfremdung durch den Westen bekämpften, der Glaube vorherrschte, dass Prosperität nur mit den Mitteln des Westens zu erreichen war. Das hat sich grundlegend geändert. Die Globalisierung wirkt sich fatal auf die armen Länder aus, und die Demokratisierung konnte mit dem Merkantilismus nicht Schritt halten.

Die Verlierer der Globalisierung besinnen sich nun wieder auf ihre eigene Kultur. Der Islam ist - und wer das verneint, verkennt das wahre Wesen des Islam - von Anfang an politisch. Diese Karte wird nun gespielt.

STANDARD: Für Sie ist mit dem 11. September die Spaßgesellschaft untergegangen. Wie wird unser Leben in Zukunft aussehen?
Scholl-Latour: Mit Spaßgesellschaft meine ich den ins obszöne gesteigerten Hedonismus, einen pervertierten Begriff des "Glücksstrebens" der Amerikaner. Wie etwa die Kollektivhysterie einer Love-Parade. Der namibische Staatschef Sam Nujoma hat mir einmal gesagt: "Diese Leute der Love-Parade benehmen sich doch wie die Tiere." Ich wage die Behauptung, dass diese Exzesse keine Zukunft mehr haben. Denn für die Deutschen hat der Krieg noch nicht begonnen, die haben ihr World-Trade-Center-Erlebnis noch nicht hinter sich. Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn die Deutschen auf dem Balkan in einen Partisanenkrieg verwickelt werden. Wir gehen grausamen Zeiten entgegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.11.2001)

Peter Scholl-Latour warnt seit Jahren vor einem Islam auf Konfrontationskurs. Unter den Trümmern des World Trade Centers liege auch die Leichtigkeit des Seins der westlichen Fun-Generation begraben, meint er.
Share if you care.