Trag ihn mit Fassung!

5. November 2001, 16:20
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Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein. Außer man fasst ihn zu Schmuck. Bei Cartier entwickelten Zeichner, Goldschmiede, Edelsteinfasser, Polierer und Feinmechaniker die neue Kollektion namens "Délices".

Am Anfang steht "l'air du temps", das, was in der Luft liegt. Pierre Rainero, künstlerischer Leiter des Hauses Cartier und sein Team fühlen der Zeit auf den Zahn. Kino, Musik, Kunst, neue Technologien und Lebensgefühl: Am Art-Director liegt es, eine Synthese aus den verschiedensten, oft widersprüchlichen Zeichen der Zeit zu erstellen, ohne dabei die ästhetische Trademark, das "Made by Cartier" aus den Augen zu verlieren: "Unsere wichtigste Inspirationsquelle ist seit über 150 Jahren der Formen- und Farbenreichtum der Flora und Fauna", erklärt Rainero. "Kurzlebige Modetrends sind nichts für das ewige Feuer von edlen Steinen. Welche Kundin, die sich ein Schmuckstück aus unserem Hause zugelegt hat, möchte schon, dass es innerhalb weniger Monate aus der Mode kommt?"

Vor allem, wenn man dafür ziemlich tief in die Tasche greifen musste. Für das Team rund um Art-Director Rainero bedeutet dies einen täglichen Drahtseilakt zwischen den ewigen Werten Pariser Chic und Luxus und den Ansprüchen der modernen, berufstätigen Frauen.

Alle zwei Jahre konzentriert sich die gesamte schöpferische Energie des Hauses Cartier auf eine neue Kollektion. Für das Jahr 2001 wendet man sich mehr denn je dem Sinnlichen zu: "Délices", zu deutsch: Wonnen, Genüsse, Köstlichkeiten. "Bunt, fruchtig und leicht zu tragen", so lauteten Raineros erste Anweisungen an das Zeichnerteam. Zu diesem Zeitpunkt des kreativen Prozesses standen die Materialien, die das solchermaßen definierte Tragegefühl am besten verkörpern könnten, schon fest.

Vier bis fünf Personen sind für Cartier ständig auf Achse, um die schönsten Steine nach Paris zu bringen. Und dafür ist kein Weg zu weit. "Manchmal holen wir sie sogar direkt aus den Diamantenminen", meint Rainero. Nun heißt es, Nägel mit Köpfen zu machen, oder konkreter: Brillanten mit Fassungen. Nachdem Rainero diejenigen Zeichnungen und Vorschläge ausgewählt hat, die ganz einer zeitgemäßen Interpretation des traditionsreichen Cartier-Stils entsprechen könnten, beginnen sich die Zahnräder des Arbeitsprozesses zu drehen und ineinander zu greifen. Circa 20 Gold- und Silberschmiede der hauseigenen Werkstätte, Edelsteinfasser, Polierer und Feinmechaniker arbeiten hier unter Hochsicherheitsbedingungen an der Umsetzung der Entwürfe. Adresse: unbekannt. Logisch.

Auch Verschwendung wird hier strengstens vermieden, erklärt Rainero die Sicherheitsvorkehrungen in den Werkstätten: "Alle unsere Kunsthandwerker tragen schwere, speziell angefertigte Lederschürzen, die jeden noch so kleinen Splitter auffangen. Am Abend wird dann alles eingesammelt." Ein Lattenrost am Boden erfüllt die selbe Aufgabe. Unter all den Spezialisten, die in den Cartier-Werkstätten an der Umsetzung der Ideen aus dem Kreativbüro arbeiten, fällt eine der wichtigsten Aufgaben den Edelsteinfassern zu: Das finale Erscheinungsbild, die Harmonie eines Schmuckstücks liegen in ihren routinierten Händen. Kein noch so funkelnder Stein, keine noch so schillernde Perle können ohne die passende Fassung zu ihrer vollen Geltung gebracht werden.

Für das Glanzstück der Kollektion "Délices", ein Collier aus pastellfarbenen Edelsteinen, ist ein ganzer Monat Arbeit erforderlich. Nur 40 bis 60 Stück können davon produziert werden. Dementsprechend ist auch der Preis: 40.000 Euro muss man für das Privileg, dieses Collier sein Eigen nennen zu dürfen, schon hinblättern können. Wer weder über das Budget eines Bill Gates noch eines Rothschild verfügt, wird wohl eher den Ring aus Graugold, gekrönt von einer dunkelgrauen Perle, auf den Gabentisch seiner Auserwählten legen. Kostenpunkt: 2370 Euro.

Denn leider kann ja nicht jede über einen so ausgesprochen generösen (Weihnachts-)Mann verfügen wie Liz Taylor: Gleich mehrere Cartier-Boutiquen soll Richard Burton einst für sie regelrecht leer gekauft haben. Im neuen Jahrtausend glänzen die Stammkunden des Pariser Luxusjuweliers allerdings lieber durch noble Zurückhaltung. "Außer Elton John. Der ist öffentlich bekennender Cartier-Aficionado! Doch in der Regel legen unseren berühmten Kunden größten Wert auf absolutes Inkognito", versichert Rainero. Wie jene Person, die von Cartier einen riesigen Diamanten zu einem Ring verarbeitet haben wollte: "Aus unseren Werkstätten kamen immer verzweifeltere Hilferufe, dass der Stein zu groß für einen Ring sei. Bis ich nach einer telefonischen Rücksprache mit dem Kunden erfahren hatte, dass der Ring für einen Zeh gedacht war! Das hat bei uns natürlich wochenlang für Gesprächsstoff gesorgt", wundert sich Rainero heute noch.

Aber dass selbst die Mitarbeiter des Hauses Cartier von den exzentrischen Wünschen der Reichen und Schönen dieser Welt noch überrascht sein können, beruhigt irgendwie.

der Standard/rondo/2/11/01

Nathalie Roller sprach mit Art Director Pierre Raniero
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