Perfekt wäre langweilig

7. November 2001, 22:45
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Ein komplizierter Name, ein großer Traum - das war die ganze Ausstattung, mit der der blutjunge Nicolas Ghesquière aus der französischen Provinz nach Paris kam, um die Modewelt auf den Kopf zu stellen. Ein Modemärchen, erzählt von Peter Bäldle

"Als Cristobal Balenciaga 1968 die Pforten seines Couture-Hauses für immer schloss, war es, als hätte sich die Sonne verdunkelt", erinnerte sich Diana Vreeland, legendäre Chefredakteurin der amerikanischen Vogue in ihren Memoiren. Der Modeschöpfer war schon zu seinen Lebzeiten zur Legende geworden. Dabei hatte er seinen reichen und berühmten Kundinnen nie eine Wahl gelassen. "Entweder ihnen gefällt meine Vision von Mode, oder sie gefällt ihnen nicht. Auf jeden Fall ist sie kein Vorschlag, über den man diskutieren kann," sagte er in dem Interview, als er seinen Rückzug verkündete. Es war übrigens das einzige, das er jemals der Presse gab.

Balenciaga war der Ansicht, dass die Zeit für Haute Couture vorbei sei. Lust auf Konfektion, auf Pret-à-porter für jederfrau hatte er keine. Wie sollte er? Er hatte den Melonenärmel kreiert, das Ballonkleid und den quadratischen Mantel. Er liebte Stoffskulpturen aus Geweben mit Stand. Er favorisierte klare Linien, architektonisch konzipierte Flächen und das dramatische Licht- und Schattenspiel in gebändigten Volumina. Er hatte nie etwas dem Zufall überlassen. "Aber wenn eine Frau in einem Balenciaga-Modell den Raum betrat, erstarb jegliche Unterhaltung. Denn sie zog alle Aufmerksamkeit auf sich", erinnerte sich Diana Vreeland weiter. Als der Meister 1972 starb, organisierte sie eine Retrospektive seiner Mode im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Es war die erste Ausstellung, die ausschließlich den Entwürfen eines einzigen Couturiers gewidmet war.

Umso mehr überraschte ein Jahrzehnt später die Ankündigung der neuen Eigentümer des altehrwürdigen Hauses, der Parfümfirma Jacques Bogart, dass sie beabsichtige, Pret-à-porter unter Balenciagas Namen auf den Markt zu bringen. Michel Goma hieß deren erster Designer. 1992 folgte der Niederländer Josephus Melchior Thimister nach, dessen kompromissloser Purismus zumindest beachtet wurde. Doch wirklich zufrieden war niemand. Der Satz von Christian Dior aus den 50er-Jahren "Balenciaga ist unser aller Meister!" klang fast wie Hohn und schien endgültig der Vergangenheit anzugehören.

Als Thimister 1997 das Haus verließ, präsentierte man Nicolas Ghesquière als dessen Nachfolger. Nicolas wer? Er war ein völlig unbeschriebenes Blatt. Ein junger Mann aus der Provinz, 1971 in Loudun im Loire-Tal geboren. Aber er hatte einen Traum, seitdem er erfahren hatte, dass Saumur, die Nachbarstadt, in der sein Vater einen Golfplatz betrieb, der Geburtsort von Coco Chanel war. Mit 15 beschloss er, nach Paris zu gehen, um die Welt der Mode zu erforschen.

Er arbeitete für Agnès b. und Corinne Cobson und wurde 1990 Assistent bei Jean-Paul Gaultier. Fünf Jahre später wechselte er zu Balenciaga, um Lizenzkollektionen zu entwerfen: Golfmode für Duty-Free-Shops, Leder für Südamerika und Trauerkleider für japanische Witwen. Als man ihn nun beauftragte, die Sommerkollektion 1998 für Balenciaga zu zeichnen, war er nicht die Wahl des Hauses, sondern eine Notlösung. Er sollte nur der Platzhalter sein, bis man einen berühmteren Namen für den Posten gewonnen hätte. Niemand konnte ahnen, dass Nicolas Ghesquière der Kultdesigner des neuen Jahrtausends werden würde.

"Er kreiert Mode für jene Frauen, die vor zehn Jahren Helmut Lang getragen haben", sagt James Aguiar, Chefeinkäufer bei Bergdorf Goodman in New York. "Ghesquières Kreationen gelten als cool. Und er schneidert ,the sexiest pants in town'." Das finden auch Nicole Kidman, das Supermodel Kate Moss und die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg. Chloe Sevigny, das Gesicht des jungen Hollywood, begleitete ihn, als er letztes Jahr in New York den "Vogue Fashion Award" als bester Avantgarde-Designer entgegennahm. Nicht nur in Amerika begann man, sich seinen Namen zu merken.

"Ich habe großen Respekt vor Balenciagas Werk. Aber es war Couture. Und Exklusivität lehne ich eigentlich ab." Daher inspirieren Ghesquière auch nicht des Meisters Silhouetten, sondern die Ideen, die dahinterstehen. Auch er lässt sich von Büchern, Gemälden und historischen Epochen beeinflussen. Aber er sucht nicht die Perfektion, sondern deren Bruch. "Wenn alles perfekt ist, empfinde ich es als langweilig!"

Egal, wohin Ghesquière geht, die Mode folgt ihm. Hatte ihn für diesen Sommer der Film Gladiator zu fein drapierten Jerseykleidern inspiriert, so waren sie in den Kollektionen seiner Kollegen für den Sommer 2003 wiederzufinden.

In diesem Winter nun erweist er Cristobal Balenciaga seine Reverenz mit kurvig geschnittenen Schößchenjacken, die sich wie Körbchen über die Hüften schmiegen. Korsettverschnürungen zieren hautenge Tops. Und Plisséevolants, Taschentücherdrapés sowie applizierte Pfauenfedern auf Kuppelröcken haben die Montgolfieren, die Fesselballons der ersten Stunde in den Illustrationen aus Jules Vernes Romanen als Vorlage.

Dafür wählt ihn der "Council of Fashion Designers of America" zum besten internationalen Designer. Neben ihm hatte man auch Karl Lagerfeld und Alexander McQueen nominiert. Kurz darauf verkündete der italienische Luxuskonzern Gucci, dass er das Couturehaus von der Firma Jacques Bogart gekauft habe. Man bestätigte Nicolas Ghesquière als Chefdesigner und beteiligte ihn, um ihn nicht zu verlieren, mit neun Prozent am Gesamtkapital. Der Traum des kleinen Nicolas hat sich somit verwirklicht.

der Standard/rondo/2/11/01

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