Atomenergieorganisation warnt vor Atom-Terrorismus

1. November 2001, 10:30
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El Baradei: "Wahrscheinlichkeit nuklearer Terrorangriffe erhöht" - Atombomben in Pakistan "sehr gut" bewacht

Wien - Die Rücksichtslosigkeit, mit der die Terroranschläge vom 11. September durchgeführt wurden, hat nach den Worten des Generaldirektors der Internationale Atomenergieorganisation (IAEO), Mohamed El Baradei, die Wahrscheinlichkeit nuklearer Terrorangriffe erhöht. Die Sicherheitsvorkehrungen für medizinische und industrielle radioaktive Quellen in einigen Ländern seien "beunruhigend niedrig", warnte El Baradei im Vorfeld einer IAEO-Expertentagung über Atomenergie und Terrorbekämpfung, die am Freitag in Wien stattfindet. "Der Sicherheitsmangel in irgendeinem x-beliebigen Land ist eine Gefahr für die ganze Welt."

Weiters warnte El Baradei davor, dass Terroristen radioaktive Quellen, welche häufig in der Medizin, Industrie, Forschung und Landwirtschaft zum Einsatz kommen, für Anschläge verwenden könnten. Neben radioaktiven Quellen könnte radioaktives Material, welches seit der Auflösung der Sowjetunion keiner angemessenen Kontrolle mehr unterliege, von Terroristen "leicht benutzt" werden. "Der Sicherheitsstandard in der ehemaligen Sowjetunion muss erhöht werden."

Internationaler Standard

Die IAEO fordere alle Staaten auf, ihre Sicherheitssysteme zu evaluieren und stelle jenen Staaten, die nicht über die technischen und finanziellen Mittel verfügen, ihre Hilfe zur Verfügung, erklärte El Baradei. "Wir müssen uns auf einen internationalen Sicherheitsstandard festlegen."

Im Falle eines Terrorangriffs auf ein Atomkraftwerk müsse es "nicht automatisch zum Entweichen von radioaktiven Substanzen oder gar zu einem zweiten Tschernobyl kommen", erklärte El Baradei. Die meisten Atomkraftwerke hätten Sicherheitsmechanismen eingebaut, wie ein zusätzlichen Kühlsystem oder einen automatischen Sperrmechanismus.

El Baradei wollte sich nicht darauf festlegen, dass die Sicherheitsmechanismen für Atomkraftwerke sowjetischen Baustils schlechter als die westlichen Typus seien. "Ich bin wegen allen Atomkraftwerken besorgt." Von der Idee, die Energieproduktion in Zukunft auf nicht-atomare Quellen zu verlagern, haltet El Baradei wenig. "Wenn man von der Atomenergieproduktion abkommt, könnte Öl zu Terrorzwecken eingesetzt werden."

Die IAEO gehe davon aus, dass jährlich mindestens 30 bis 50 Millionen Dollars (33,3 Mill. Euro/458 Mill. S - 55,5 Mill. Euro/764 Mill. S) für die Ausweitung ihres Programms zur Verhinderung von Terrorattacken aufgewendet werden müssten. "Sicherheit ist sehr teuer, aber eine gute Investition", sagte El Baradei.

Seit 1993 registrierte die Atomenergiebehörde 175 Fälle von illegalem Atomhandel und 201 Fälle von Handel mit anderen radioaktiven Substanzen vor allem aus dem medizinischen und industriellen Bereich. Nur in 18 Fällen habe es sich um kleine Mengen von angereichertem Uran oder Plutonium, die zur Herstellung von Atombomben benötigt werden, gehandelt. Die sichergestellten Mengen seien zudem laut Experten zu gering für die Herstellung einer Atombombe gewesen. El Baradei forderte verschärfte Grenzkontrollen und erklärte, dass die IAEO zur Sicherstellung von radioaktivem Material künftig verstärkt mit Interpol zusammenarbeiten werde.

Atombomben in Pakistan "sehr gut" bewacht

El Baradei ist davon überzeugt, dass die Atomwaffen in Pakistan "sehr gut" bewacht sind. "Selbst wenn sie in die Hände von Terroristen fielen, könnten die Atombomben schwer eingesetzt werden. Sie werden durch Kodes geschützt und können auch entschärft werden", erklärte El Baradei gegenüber Journalisten in Wien. Das Magazin "New Yorker" hatte am Montag unter Berufung auf US-Regierungsvertreter berichtet, die USA seien um die Sicherheit der pakistanischen Atomwaffen besorgt.

Eine amerikanische Spezialeinheit bereitet dem Magazin zufolge die Ausschaltung des pakistanischen Atomarsenals im Falle eines Putsches gegen Militärmachthaber Pervez Musharraf vor. Ihre Aufgabe sei es, Atomsprengköpfe aufzuspüren und gegebenenfalls ungefährlich zu machen. US-Geheimdienste würden befürchten, dass Taliban-freundliche Kräfte im pakistanischen Geheimdienst ISI die Kontrolle über die Bomben übernehmen könnten.

Routineentlassungen

Der pakistanische Militärmachthaber Pervez Musharraf hatte jedoch Anfang Oktober laut einem Bericht der Onlinezeitung "Institute of War and Peace Reporting" (IWPR) Taliban-freundliche Militärchefs des Geheimdiensts ISI durch liberal gesinnte ersetzt. Musharraf betonte, dass es sich bei den Entlassungen um Routine gehandelt habe. Bei der wichtigsten Entlassung handelte es sich um den Geheimdienstchef Ahmed Mahmud, der enge Verbindungen zu den Taliban unterhalten haben soll. Mahmud hatte laut IWPR 1999 die Leitung des Geheimdienstes übernommen, nachdem er den Putsch gegen den ehemaligen pakistanischen Premierminister Nawaz Sharif initiiert hatte.

Mahmud wurde von General Ehsanul Haq, einem Paschtunen ersetzt. Haqs liberale Ansichten und sein Insiderwissen über paschtunische Angelegenheiten machten ihn zu einem geeigneten Partner für die CIA. Auch der stellvertretende Personalchef des pakistanischen Geheimdienstes, General Muzaffar Usmani, wurde entlassen. Somit hat Musharraf seinen persönlichen Einfluss auf den Geheimdienst gefestigt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September hatte Pakistans Militärmachthaber zugesagt, den USA alle geheimdienstlichen Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen, die bei der Ergreifung der Täter hilfreich sein könnten. (APA)

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