"Die Branche wird mit System ausgeblutet"

3. November 2001, 01:31
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Warum kracht es dermaßen im Architektengebälk? - Ein STANDARD-Streitgespräch

Die Architektur kämpft gegen Honorardrückerei, fiasköse Wettbewerbe, mangelnde Stadtplanung und die Windmühlen der Bürokratie: Ein Streitgespräch, moderiert von Ute Woltron


Die heimischen Architekten liefern zwar hervorragende Produkte, feiern internationale Anerkennung, sind selbst aber dabei großteils fast pleite. Das STANDARD-ALBUM bat die Architekten Andras Palffy, Elsa Prochazka, Heinz Neumann, Kammerpräsident Peter Scheifinger sowie den Leiter der ÖBB-Bahnhofsoffensive, Norbert Steiner, zur Diskussion, um die Gründe dafür auszuloten. Warum kracht es also dermaßen im Architektengebälk?

Elsa Prochazka: Ich bemerke, dass sich bedauerlicherweise ein Klima der Gegnerschaft zwischen Bauherren und Architekten herausbildet. Das ist einer der Gradmesser der Verschlechterung der Situation. Letztlich haben beide ein gemeinsames Interesse, nämlich ein ökonomisches, optimales Ergebnis zu erzielen. Ich verstehe nicht, warum es da Reibungsverluste durch Gegnerschaft geben muss.

Andras Palffy: Das Schitzophrene ist folgendes: Architekturführer aus den 70er-, 80er-Jahren sind dünn und klein. Heute gibt es Architekturführer für fast jede Region, es gibt sichtbar eine dichtere Qualität in der österreichischen Architektur. Zugleich kämpfen viele Büros wirtschaftlich um das Überleben, was es früher einfach nicht gab. Außerdem bemerkt man, dass diese gute Architektur hauptsächlich auf private Initiativen zurückzuführen ist.

Prochazka: Gleichzeitig hat aber in der Öffentlichkeit die Diskussion über Architektur enorm zugenommen, auch in den Medien. Es gibt Institutionen wie Architekturstiftung und Architekturhäuser. Es leben also ganze Branchen vom Thema Architektur ganz gut - nur nicht die Architekten selbst.

STANDARD: Viele Architekten behaupten, dass ihre Leistungen nicht entsprechend abgegolten werden und Planungen oft auf ein Nullsummenspiel herauslaufen. Wie schaut die Zahlungsmoral der Auftraggeber tatsächlich aus?

Peter Scheifinger: Man darf den von den Kollegen selbst dargebotenen Honorarnachlass nicht außer Acht lassen. Der bringt Auftraggeber natürlich dazu, sich dieses Verhalten allgemein anzueignen.

Prochazka: Die Honorarordnung (Anm.d.Red.: Die GOA regelt das Architektenhonorar nach erbrachter Leistung) ist ein komplexes Thema, und ein wichtiger Punkt ist dabei, wann sie überhaupt einsetzt? Es gibt tatsächlich für die Architekten lange Fristen der Vorfinanzierung: Das ist ein schleichender Nachlass, über den nie gesprochen wird. Im Wohnbau greift es darüber hinaus um sich, dass die Bauträger den Architekten bis zur Einreichung beauftragen, dann wird das Projekt samt der Architektenleistung zu einem Bruchteil der Architektenhonorare auf Generalplaner übertragen, was einen enormen Informations- und letztlich Qualitätsverlust bedeutet. Die Verantwortlichkeit entgleitet dem Architekten zunehmend. Die vorhin genannten Abschläge sind nur die Spitze des Eisberges.

Scheifinger: Andererseits erkennen immer mehr Bauherren, dass Qualität besser vermarktbar ist.

Prochazka: Das gilt nicht für den Wohnbau.

Scheifinger: In Einzelfällen schon.

Palffy: Schön, dass es das gibt, aber in Summe schaut's ganz anders aus. Letztlich zählt bauherrenseits nur mehr der Einsparungswille, mit dem oft ein Mangel an inhaltlicher Kompetenz kompensiert werden soll. Das endet auch im letzten Nachlass, nämlich damit, dass man auf die Bezahlung der Schlussrechnung noch einmal zwei Jahre warten muss.

STANDARD: Jede andere Branche würde sich das nicht gefallen zu lassen. Die Architekten scheinen ein sehr geduldiges Volk zu sein?

Heinz Neumann: Diese Branche ist ausgeblutet, und zwar mit einem System, das Wettbewerb heißt. Wir werden laufend gezwungen aus Gründen der Existenz an diesen Verfahren teilzunehmen. Dann passieren die eigentümlichsten Dinge, der Bauherr sagt etwa: Schön, der Wettbewerb, aber ich bau jetzt doch lieber nicht. 50 Architekten haben teilgenommen, jeder hat 300.000 bis 500.000 Schilling ausgegeben, damit sind zig Millionen in den Rauchfang geblasen. Das ist ruinös, denn es gibt kein Äquivalent, das diese Berufsgruppe wieder in eine Gewinnsituation führt. Wir haben für das Kulturbewusstsein der Nation beizutragen, ohne bezahlt zu werden. Daher haben die meisten Büros absolut keine Reserven und sind gezwungen unmenschliche Vertragsbedingungen einzugehen, um überhaupt zu überleben.

STANDARD: Wie schauen solche Vertragsbedingungen konkret aus?

Prochazka: Das vorhin Gesagte gilt für jeden Vertrag. Ich kann das in jedem Punkt unterstreichen. Ich habe im vergangenen Jahr vier Wettbewerbe mitgemacht, zwei gewonnen, davon ist einer aus politischen, der andere aus Widmungsgründen abgestürzt. Ich kann mir also die zwei gewonnenen auch in die Haare schmieren. Ich habe dafür 500.000 Schilling Abgang zu verbuchen. Wenn sich die Situation jedes Jahr so darstellt, kann man sich leicht ausrechnen, wohin das führt.

STANDARD: Agieren die Auslober fahrlässig?

Prochazka: Es nützt alles nichts, denn auch wenn alle vier Parteien in der Jury vertreten sind, stürzen Wettbewerbe ab, trotz Konsens. Der Wettbewerb ist ein prinzipiell ungeeignetes Verfahren um zu innovativen und guten Ergebnissen zu kommen.

STANDARD: Wie sieht die Situation ein potenter Architektur-Auftraggeber wie die ÖBB?

Norbert Steiner: Für mich gehört dazu, dass man über Wettbewerbe auch geliefert bekommt, wie ich widmen soll, und was ich wo baue.

STANDARD: Auch städtebauliche Vorstudien?

Steiner: Es handelt sich eben um Ideenwettbewerbe, und die Architekten brocken sich selbst schon viel ein, wenn zwar wenig gefordert, aber unheimlich viel geliefert wird. Ich glaube, dass man sich als Architekt prinzipiell einmal mit anderen Rollenbildern beschäftigen sollte. In anderen Ländern gibt es den Designarchitekten, der sich halt auf bestimmte Sachen beschränkt. Nicht jeder Wohnbau muss aus einem Wettbewerb entstehen, wo 50 Leute mitmachen.

STANDARD: Das hört sich nach Wohnung als austauschbare Ware an, vielleicht geht der Weg ja wirklich dorthin?.

Steiner: Wir stellen uns den Architekten jedenfalls als jemanden vor, der auch noch das letzte Schrauberl mitbestimmt. Ich frage mich, ob das noch das adäquate Rollenbild ist.

Prochazka: Es gibt nichts komplexeres und anspruchsvolleres als zum Beispiel ein Städtebauliches Konzept zu entwickeln, das, wenn es gescheit gemacht ist, einen Milliardenmehrwert für den Grundeigentümer schafft. Das ist genau eine dieser Aufgabenstellungen, die wir österreichischen Architekten immer als Draufgabe dazubekommen, um überhaupt an Bauaufträge heranzukommen. Apropos internationale Rollenbilder: In England finanziert sich das Büro Foster hauptsächlich über Bebauungspläne, die sie überall auf der Welt machen, und die höchst dotiert werden. Wenn man sich nach anderen Rollenbildern umschaut, sollte man wirklich auch diese Aspekte einmal durchdenken. Große Städtebauliche Verfahren, die der Gemeinde Wien vor einigen Jahren noch 700.000 Schilling wert waren, werden heute mit 70.000 Schilling abgegolten.

Neumann: Die gesamte Wettbewerbssituation hat sich in den vergangenen 15 Jahren enorm verschlechtert.

Steiner: Die wirtschaftliche Situation hat sich doch überall verschlechtert, und ich muss schon auch sagen können, dass Marktsituationen auch für Architekten gelten.

Prochazka: Wir wären ja schon froh, wenn sie für uns gelten würden!

Neumann: Warum müssen die Architekten kostenlos Ideen bringen, damit Bebauungspläne entstehen. Das ist nicht nachvollziehbar. Jeder andere Berufsstand wird für vergleichbare Leistungen gut bezahlt. Die Gemeinde soll sich zehn dafür qualifizierte Leute suchen, soll drei Junge auch dazuholen und jedem ein entsprechendes Entgelt zahlen. Dass ein Wettbewerb veranstaltet und dann abgesagt wird, weil es keine Flächenwidmung gibt, ist unmoralisch und unfair. Wenn ein Bauherr im Nachhinein sagt, das Projekt sei nicht umsetzbar, hätte er sich vorher darum kümmern oder ein Gutachterverfahren veranstalten müssen. Wenn er jedem geladenen Teilnehmer 500.000 Schilling in die Hand drückt, dann kann er mit den Plänen später machen was er will. Andernfalls hat es einen Sieger zu geben, der baut, und zwar nach der Gebührenordnung. Dann gibt es noch ein anderes Thema, das mich langsam sehr nervös macht, und zwar die Verhandlungsverfahren. Da sitzt man dann plötzlich vor jemandem, der sagt: Na von der Gebührenordnung müssen's 50 Prozent nachlassen, sonst kommen Sie leider nicht zum Zug.

STANDARD: Das heißt, die Unterschreitung der GOA, die sich in den vergangenen Jahren zwischen 7 und 30 Prozent eingependelt hat, geht mittlerweile bis auf 50 Prozent?

Neumann: Selbstverständlich.

Scheifinger: Nochmals: Städtebauliche Wettbewerbe sind komplex und beeinflussen auf das äußerste die Wirtschaftlichkeit und Prosperität einer Kommune, eines Viertels. Früher haben solche Verfahren noch den Geist geatmet, dass Städtebau nicht etwas ist, was man in den nächsten drei oder fünf Jahren realisiert. Solche Verfahren haben langfristige Perspektiven einer Stadt aufgezeigt. Da war es klar, dass der Realisierungsanspruch von den Teilnehmern nicht gestellt werden konnte. Da war es auch so, dass die Preisträgerprojekte dazu gedient haben, Ideen zu liefern, und es gab entsprechende Preisgelder.

Prochazka: Die zehnfach so hoch waren wie die heutigen.

Scheifinger: Klar. Es gab Preisgelder von 600.000 Schilling, obwohl der Sieger nicht gebaut hat. Bei Projekt- und Realisierungswettbewerben hingegen ist es infam, wenn hinterher nicht gebaut wird. Da ist Schadenersatz evident. Allerdings sind nicht alle Verfahren dieser Vergabe-Rechtsnorm unterworfen und bevorzugen den Auslober aus der privatwirtschaftlichen Gestion heraus. Wenn der Blöde, Arme, Finanzschwache findet, die da mittun, dann wird er die noch weiter ausbluten lassen, vernichten und in der Folge Mangelprodukte bekommen.

STANDARD: Ein Verfahren steht und fällt mir dem Auslober?

Scheifinger: Solange die Reife der Auftraggeber, sowohl privater als auch öffentlicher, das nicht erkannt hat, werden wir weiterhin gequält werden, weil wir Architekten sind, weil wir bauen wollen, weil das unser Beruf ist.

STANDARD: Offenbar, es wurde hier angesprochen, war die Situation einmal deutlich besser. Hat ein Niedergang in der Architekturkultur stattgefunden?

Scheifinger: Nicht in der Architektur- sondern in der Auftraggeberkultur.

Prochazka: In der Bauherrenkultur, würde ich sagen.

Steiner: Es ist aber auch so, dass selbst gute Architekten freiwillig wirklich viel an Honorar nachlassen, also es sind nicht immer nur die Auftraggeber die Bösen.

Neumann: Die Auftraggeber verlangen andererseits unseriöserweise städtebauliche Studien als Eintrittskarten für Projekte und bezahlen dafür gar nichts. Das ist eine Zumutung.

Steiner: Es ist für Auftraggeber legitim zu sagen, wir wollen eine erste Idee, eine Skizze, wie ihr ein Problem städtebaulich lösen würdet.

Prochazka: Das ist eine völlige Fehleinschätzung einer Aufgabenstellung.

Neumann: Städtebaulich zum Beispiel den Praterstern einzubetten, wie das die ÖBB gerade in einem Wettbewerb verlangen - wissen Sie überhaupt, was das für eine unglaubliche Arbeit ist?

Palffy: Das ist so, als ob ein Arzt eine Ferndiagnose aus ein paar dutzend Metern macht und meint: Sie könnten vielleicht Bauchweh oder Halsweh haben. Was kann man mit einer Skizze seriös darstellen?

Steiner: Ich will das ja nicht fein durchgearbeitet haben, sondern gute Ideen bekommen.

Scheifinger: Ich würdige den Anspruch, den Aufwand papiermäßig zu verringern, aber der geistige Input, den man liefern muss, geht über die Skizze weit hinaus, wenn man nicht nur ein paar Striche abgeben will.

Neumann: Ich kann ja auch gleich ein Comic liefern.

Steiner: Was soll ein Auftraggeber wie die ÖBB also tun?

Scheifinger: Die Antwort muss von der Stadt Wien kommen. Die Stadtplanung muss prinzipiell dafür sorgen, dass Rahmenbedingungen für Projekte geklärt sind.

Steiner: Darauf warte ich ja schon seit zwei Jahren.

Neumann: Und jetzt sollen das die Architekten kostenlos liefern, wenn’s die Gmoa nicht bringt?

Scheifinger: Die ÖBB muss Schnittstellen zur Stadt vorfinden. Ich habe schon vor drei Jahren Klotz und Görg darauf angesprochen, als die Bahnhofsoffensive noch gut in Fahrt war, und gefragt: Was tut ihr zur Vorbereitung, um der Bahn entgegenzukommen in den Bereichen Südbahnhof, Westbahnhof, Praterstern, Nordbahnhof? Die städtebaulichen Rahmenbedingungen hat die Stadt selbst zu schaffen.

STANDARD: Was tut die Gemeinde eigentlich wirklich?

Palffy: Sie will privates Kapital, das in der Stadt Fuß fasst. Die Staatskassen sind leer, doch dann wäre es auch Aufgabe der Gemeinde, diese Prozesse zu moderieren. Das beginnt bei Wettbewerben und geht bis hin zur begleitenden Kontrolle, dass alles ordentlich umgesetzt wird. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, nicht nur für den Investor sondern auch für die Stadt. Hier muss eine konstruktivere Gesprächsebene gefunden werden.

Steiner: Eine vorbereitende Flächenwidmung gibt es nicht mehr, es gibt nur eine anlassbezogene. Auch werden keine Anreize für Investoren geschaffen, du musst immer selbst als solcher auftreten, damit überhaupt etwas geschieht.

Prochazka: Richtig, und das Anlassbezogene ist natürlich immer das Schwächste. Ich will aber noch etwas dazu sagen: Ich bin entsetzt darüber, dass Sie als wichtiger Bauherr offenbar keine Ahnung zu bestimmten Aufgabenbildern, wie etwa den Städtebau, haben. Das ist ein Problem für uns Architekten, dass wir nicht vermitteln können, was wir als Input zu leisten haben. Es gibt zum Beispiel eine schöne Skizze von mir zu einem 35 Hektar Baugrund, die Vorarbeit dazu hat aber drei Monate beansprucht. Städtebau wird weder von der Stadt noch von Investoren entsprechend gewürdigt.

Scheifinger: Und die Vorleistungen werden von der Stadt einfach nicht erbracht. Die Stadtplanung ist zahnlos geworden, weil sie kein Geld hat.

Neumann: In Wien findet überhaupt keine Stadtplanung statt.

Palffy: In der Wiener Innenstadt sind beispielsweise zwei Tiefgaragen geplant, die ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in die Altstadt bringen werden. Da geht es um grundlegendes Verständnis, was Stadt- und Verkehrsplanung ist. Ein übergeordnetes Verkehrskonzept ist in seinen Konturen nicht erkennbar.

STANDARD: Die Architektur scheint also eine dermaßen verfahrene Szene zu sein, dass man sich als junger Mensch besser nicht hineinbegeben sollte?

Scheifinger: Im Gegenteil. Wegdenken, Wegschauen ist nicht zulässig. Daher sitzen wir jetzt hier, sitzen in unseren Büros, reissen uns den Hintern auf für die Thematik und verbluten langsam irgendwann einmal. Und am Ende haben wir nicht wenig sondern weniger als nichts am Konto.

Neumann: Bravo. So ist es.

Scheifinger: Es gibt bereits Beispiele, wo die Banken über bankrotte Kollegen sagen: Das ist ein wichtiger Mann in der Stadt, ein paar intervenieren auch für ihn, dann gibt es irgendwann einfach einen Schuldennachlass oder Konkurse.

Neumann: Schuld daran sind die GOA-Abschläge und die unseriösen Wettbewerbe. Auch für die Verfahren muss es die Gebührenordnung spielen. Wenn das Projekt dann aus welchen Gründen auch immer nicht umgesetzt wird, so ist das ebenfalls zu bezahlen. Es gibt für einen Bauherren, der uns Architekten in Hundertschaften fordert, kostenlos Millionen hinzutragen, keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Der sitzt für mich am Spieltisch wie ein Groupier, und er muss auch auszahlen. Der kann nicht aufstehen, hinausgehen und sagen: Heute ist nix.

Steiner: Dann wird es nicht mehr lange Wettbewerbe geben.

Neumann: Das wäre ohnehin das Gescheiteste, wenn die sittliche Reife der Auslober fehlt. Der Wettbewerb ist eine moralische Instanz, die von beiden Seiten wahrgenommen werden muss.

Prochazka: Ich bin eigentlich sehr ergebnisorientiert, und ich frage mich, ob volkswirtschaftlich nicht enorme Summen vergeudet werden.

Neumann: Wir haben nicht mehr das Kapital, jedes Projekt in der Tiefe, Schärfe, Genauigkeit zu führen, weil wir das gesamte Geld in nicht gebaute Wettbewerbe stecken.

STANDARD: Das alles ist bekannt, aber wie kommt man aus der Situation heraus? Warum berechnet die Kammer nicht, welche Summen verschleudert werden und wie teuer den Körperschaften letztlich schlecht umgesetzte Wettbewerbe kommen?

Scheifinger: Ich habe genau das vor Jahren mit Hannes Swoboda besprochen, der auch gemeint hat: Na rechnet das einmal aus. Aber wir haben nicht den Apparat der Magistrate hinter uns. Die haben die Beamten und die Rechenstifte, warum soll das delegiert werden? Die Körperschaften müssen das selbst nachrechnen.

STANDARD: Sie tun es aber offensichtlich nicht.

Scheifinger: Dann muss man sie zwingen.

Prochazka: Die Kammer wäre schon ein Instrument, so etwas zu machen. Wir zahlen ja schließlich Beiträge.

Scheifinger: Ich leide schon darunter, den Normalbetrieb aufrecht zu erhalten. Ich kann es nicht machen, weil das Geld nicht da ist. Der Magistrat hat die Beamten, was tun die bitte? Die sollen das rechnen.

STANDARD: Es geschieht aber nicht, weshalb wir nicht aus dem Problem herauskommen. Wie schaut also die Strategie aus?

Scheifinger: Dann muss es die öffentliche Meinung verlangen. Es geht schließlich um viel Geld. Ein städtebaulicher Wettbewerb, der schlecht ausgeht, kostet unter Umständen Milliarden. Schlechte Architektur produziert ebenfalls enorme Folgekosten.

STANDARD: Das wissen die Architekten, aber sonst kein Mensch.

Scheifinger: Der Souverän, der mit öffentlichen Geldern jongliert, muss rechnen.

Scheifinger: Nehmen wir nur aus aktuellem Anlass Karlsplatz und Künstlerhaus her.

Palffy: Da werden um mindestens 23 Milliarden Schilling U-Bahn-Erweiterungen aus dem Zentrum an die Peripherie gebaut, es gehen täglich mindestens 50.000 Personen in dieser Station rein und raus. Das gesamte Areal liegt als großartiges Verkehrsbauwerk brach. Wenn man drüberfährt glaubt man am Verkehrsverteiler Süd zu sein, nur statt dem Horr-Stadion steht der Musikverein dort. Das sind die Realitäten. Um eins komma irgendwas Prozent der genannten Summe könnte man die gesamte Situation dort tadellos in Ordnung bringen und die Lebensqualität tausender Menschen aufwerten. Es handelt sich um einen der wichtigsten Orte in einer Stadt, die sich eigentlich als Kulturstadt versteht. Das geht aber alles nicht, weil die U-Bahn keinen Lift auf die unteren Geleise führen kann - denn das sind die Argumente, bei denen wir als Architekten, die den Ort verbessern wollen, landen.

Prochazka: Dieses Projekt ist ein klassisches Beispiel: Hier hat ein Gutachterverfahren mit erstklassigen Architekten stattgefunden, das Büro Jabornegg-Palffy hat es gewonnen, baureif geplant, jetzt ist es abgestürzt und sie kämpfen um ihr Honorar. Ein Symptom der allgemeinen Situation.

STANDARD: Offenbar mangelt es einerseits an gescheiter Organisation architektonisch- städtebaulicher Prozesse, und andererseits gibt es einen eklatanten Mangel an Wertschätzung gegenüber der Arbeit, die Architekten zu erbringen instande sind. Wie steuert man dem entgegen? Es geht schließlich nicht nur um eine Berufsgruppe sondern um die gesamte bauliche Umwelt, in der wir alle leben?

Neumann: Das beginnt damit, dass nicht der Architekt nachweisen muss, die finanzielle Potenz für einen Auftrag zu haben - das geht so weit, dass man aufgefordert wird, Bankgarantien vorzuweisen - sondern der Bauherr müsste die Bankgarantie legen, dass er sich das Haus überhaupt leisten kann.

Prochazka: Ich gebe eines zu bedenken: Die Diskussion über Wettbewerbe suggeriert, wenn alles ordnungsgemäß abgehandelt würde, wäre die Welt in Ordnung. Doch gesagt muss sein, dass Wettbewerbe erstens nie objektiv sein können und zweitens ruinöse Verfahren darstellen: Ein Roulette, das die Architekten immer wieder gezwungen sind zu spielen. Sie sind das einzige gesellschaftlich akzeptierte Glücksspiel, das es in Österreich gibt.

Neumann: Wobei im Casino definiert ist, wievielfach was ausbezahlt wird. Wir wissen hingegen nicht, ob der Groupier überhaupt ausbezahlt. Das ist für mich der Grund, warum ich lieber in ein Casino gehe, als einen Wettbewerb zu machen. Zum Beispiel haben 260 Architekten am Wettbewerb Kulturinstitut New York teilgenommen, da haben alle Kollegen insgesamt mehr hineingesteckt, als der schließlich mit dem Bau beauftragte Wettbewerbssieger Raimund Abraham an Honorarsumme bekommen hat.

Scheifinger: Dabei war war bei diesem Wettbewerb, wie bei anderen auch, eigentlich von vornherein klar, wer letztlich ganz vorne mitmischen würde. Alle anderen sind verheizt worden.

Prochazka: Jeder der die Szene ein bisschen kennt, weiß, dass das natürlich stimmt. Die Botschaft in Berlin ist auch so ein Fall. Warum kann Hans Hollein nicht direkt beauftragt werden?

Scheifinger: Das ist anders gelaufen, da war die Wirtschaft beteiligt. Stahl- und Steinfassade haben hinter den Kulissen miteinander gerungen.

STANDARD: Wer wäre Stahl gewesen?

Scheifinger: Man zwinge mich bitte nicht, vor laufender Kamera die Hosen herunterzulassen.

Prochazka: Wir sind keine Neidgenossenschaft, bei manchen Projekten ist es natürlich sinnvoll, direkt ohne Wettbewerb zu vergeben.

Scheifinger: Die Architektur muss es schaffen, mit den richtigen Gesprächspartnern am Diskussionstisch zu sitzen. Ich will nicht mit einem Leiter einer MA verhandeln, sondern mit dem Stadtrat. Die Handschlagqualität ist abhandengekommen, alle verstecken sich hinter irgend welchen Verordnungen und Gesetzen.

STANDARD: Gab es diese Handschlagqualität denn wirklich einmal?

Scheifinger: Natürlich, keine Frage, und es ist noch nicht allzu lange her.

Palffy: Noch etwas: Für rund 1.300 Wiener Kammermitglieder gab es heuer genau einen öffentlichen Wiener Wettbewerb, und das war die Katharinengasse.

Scheifinger: Das war kein Wettbewerb, das war ein Massaker. Und das nächste Massaker folgte mit dem Schönbrunn-Wettbewerb.

Palffy: Für mich repräsentiert das, dass eine Moderation der Stadt einfach her gehört. Eine gewisse Breite, eine qualitative Auseinandersetzung - und das entsprechende Klima könnte gefördert werden. Revolutionen passieren nicht von einem Tag auf den anderen.
In Basel, um ein Beispiel zu nennen, ist aufgrund eines engagierten Beamten eine architektonische Blüte entstanden. Es gibt auch weitere Beispiele, in Spanien, Holland usw. Da gibt es Qualitätsbegriffe, die unangefochten sind, und wenn man die respektiert, dann funktioniert es. Das illustriert, dass neben einem angebrachten Regelwerk eine der Grundlagen für gute Architektur vor allem der Wille dazu, sowie eine gewisse Kompetenz in der Materie ist. Wenn man die nicht hat, muss man sich um ein Umfeld bemühen, muss sich lokale und durchaus auch externe Experten holen, um Qualitätsarchitektur bewirken zu können.

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Postfach für Anmerkungen und Diskussionsbeiträge:
architektur@derstandard.at
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, ALBUM, 3./4. 11. 2001)

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