"Weitt'r, imm'r weitt'r"

2. November 2001, 00:37
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Der Schweizer Weltenbaumeister Adolf Wölfli

Der Kooperation zwischen der Wölfli Stiftung, der Sammlung Essl und dem Festival Wien Modern ist auch eine Ausstellung entsprungen. Sie gilt dem Schweizer Weltenbaumeister Adolf Wölfli.

Markus Mittringer

Klosterneuburg - Adolf Wölfli: geb. 1864 im Emmental. Sein Vater, Arbeiter, trunksüchtig, verlässt die Familie, als Adolf fünf Jahre alt ist. Die Mutter verarmt daraufhin endgültig, wird von ihrem Sohn getrennt und stirbt, als Adolf zehn Jahre alt ist. Adolf arbeitet zunächst als "Verdingbub", später als Melker und Handlanger, am Reichtum verschiedener Bauern. Seine Liebe zur Tochter eines Landwirts wusste dieser standesbewusst zu unterbinden.

Es folgen zwei Jahre Zuchthaus wegen versuchter Notzucht. Ein neuerlicher Anlauf zur gewaltsamen Eroberung des anderen Geschlechts bringt ihn 1895 mit der Diagnose "Schizophrenie" in die Irrenanstalt Waldau. Als Adolf Wölfli dort 1930 stirbt, hat ihn die reale Welt als Künstler anerkannt. Seine Kopfwelt, die Skt. Adolf=
Riesen=Schöpfung
verlässt er als Skt. Adolf II.

1921 veröffentlicht der Berner Arzt und Psychiater Walter Morgenthaler seine Adolf-Wölfli-Monographie Ein Geisteskranker als Künstler. Erstmals wird die Produktion eines Geisteskranken als Kunst, er selbst nicht als Patient, sondern als Künstler angesehen. Wölfli nimmt das Erscheinen des Buches - er konnte erstmals nach 25 Jahren die Anstalt verlassen und eine Buchhandlung aufsuchen - gelassen. Er weiß um seine Qualität längst Bescheid, fertigt neben seinem großen Weltentwurf weniger komplexe "Brotkunst": Zum Verkauf bestimmte Einzelblätter, die ihm den täglichen Bedarf an Malmaterial und Tabak sicherstellen.

Im Jahr nach Morgenthalers revolutionärer Monographie erscheint Hans Prinzhorns Bildnerei der Geisteskranken, die erste umfassende Aufarbeitung zustandsgebundener Kunst, und zugleich die "Bibel" der Surrealisten.

Seither bedient man sich Wölflis gerne. Beruft sich auf ihn und seinesgleichen, zum Behufe der Erklärung von Überschreitungen, ganzheitlichen Ansätzen und medialen Verschränkungen aller Art. Wien Modern führt Wölfli jetzt als Säulenheiligen der Verschmelzung von Sicht-und Hörbarem im Programm. Die Sammlung Essl zeigt in Klosterneuburg mit 62 Papierarbeiten eine Auswahl aus der Adolf-Wölfli-Stiftung des Kunstmuseums Bern.

1899 beginnt Wölfli mit seiner Überwindung des Emmentals. Er erschreibt, erzeichnet und erkomponiert sich ein zweites, ein glorreiches Leben. Auf 25.000 Seiten entwirft er sich ein Weltgebäude als komfortable Eigentumswohnung.

Nichts fehlt in der Skt. Adolf=Riesen=Schöpfung, nicht der Skt. Adolf=Wald, nicht der Skt. Adolf =Ozean. Selbst die Erbschaftsangelegenheiten hat Wölfli, der sich 1916 als Skt. Adolf II als Weltenherrscher inthronisiert, geregelt.

Und damit ihm in der akribisch durchdachten neuen Ordnung auch nicht fad wird, hat er sich selbst die haarsträubendsten Treppenstürze angedichtet, überlebt er auf wundersame Weise verheerendste Naturgewalten. Und so hat der Adolf sich dann eben seine Welt angeeignet und untertan gemacht. Zwecks Legitimation der Herrscherwürde, zur Anhäufung von Luxus, in der Hoffnung auf Erhörung durch das andere Geschlecht. Bis 9. 12.

(DER STANDARD, Print, 31.10./1.11.2001)
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