Gewagte Programme auch für große Leinwände, alte Meister für ein junges Publikum ...

2. November 2001, 00:02
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Viennale-Resümee von Claus Philipp

... und vieles mehr: Bei allgemeiner Begeisterung vermisst man bei der Viennale mitunter das gute Streitgespräch.


Ein Festival setzt eine Stadt in Bewegung. Kein Zweifel, die Viennale ist mittlerweile bei einem großen Publikum als Pflichtereignis etabliert. Und der beeindruckendste Beweis dafür sind viele ausverkaufte Vorführungen im großen Saal des Wiener Gartenbau-Kinos.

Hatte man in den letzten Jahren noch manchmal den Einwand vorbringen können, dort würde ja auch dementsprechend populäre Kost serviert, so wagte Direktor Hans Hurch heuer endgültig den Sprung ins kalte Wasser: Juan Pablo Rebellas 25 Watts, Vou para casa von Manoel de Oliveira oder Jean-Luc Godards Eloge de l'amour sind, zumindest im Rahmen der Viennale, mittlerweile keine Nischenprogramme mehr. Das bedeutet weniger, dass hier Konsenskino geboten würde: Vielmehr ist das Vertrauen der Kinogeher in "ihr" Festival mittlerweile sehr gefestigt.

Das vielleicht bewegendste und auch ein historisches Ereignis war heuer im Gartenbau die Aufführung von Erich von Stroheims The Wedding March (1928): Der heute 94-jährigen Hauptdarstellerin Fay Wray, die nach eigenen Worten beim damaligen Dreh immer wieder von Wien geträumt hatte, wurde ein ungewöhnlich herzlicher Empfang bereitet. Auch das ist Cinephilie: Geschichte (des Kinos) als kontinuierlich in die Gegenwart weiterwirkende Kraft wahrzunehmen.

Überhaupt war dies eine Stärke des diesjährigen Programms: wie selbstverständlich so etwas wie ein produktiver Generationenvertrag gelebt wurde. Die alten Meister - wie etwa Jonas Mekas, der auch die beiden Trailer der Viennale gemacht hatte, oder Ilse Aichinger, die mit Otto Sander aus ihrem Journal des Verschwindens las -, sie freuten sich mit einem oft ziemlich jungen Publikum. Man schöpft angesichts solcher Momente Hoffnung, dass der oft beschworene Geschichtsverlust möglicherweise doch nur eine kulturpessimistische Attitüde sein könnte.

Aber, so fragt man dann wieder als heiterer Advokat des Teufels: War angesichts des über weite Strecken extrem anspruchsvollen Programms die allgemeine Begeisterung nicht etwas zu ungebrochen? Es will scheinen, als könnte die Viennale in den nächsten Jahren doch mehr öffentliche Diskussionen und Kontroversen vertragen. Die Gespräche im Viennale-Zelt wurden heuer eher routiniert abgewickelt (wie übrigens auch die dort gespielte Musik - gestern eine halbe Stunde Austria3!).

Vergebene Chancen

Und angesichts von Gästen wie Peter Nestler, Hartmut Bitomsky oder Jean-Marie Straub hätte wohl die eine oder andere Gruppendiskusson zur heute so virulenten Frage der medialen Bildproduktion Sinn gemacht. Hans Hurch scheint der Gefahr der schnellen "Meinung", die solchen Podien innewohnt, etwas zu skeptisch gegenüberzustehen. Und natürlich, sein Konzept, die Filme für sich selbst sprechen zu lassen, ist weitgehend legitim.

Dennoch: Mehr Widerstände einbauen! Wie sagte Ilse Aichinger einmal im Kinofoyer: "Die Leute sind mittlerweile derart von allem begeistert, dass sie schon vor der Vorführung jubeln. Es könnte doch aber auch einmal etwas nicht so gut sein, schief gehen." Dem Rand zu solchen Fehlschlägen kann man sich ruhig wagemutiger nähern. So beliebt und selbstsicher, wie sie derzeit ist, kann die Viennale sich das locker leisten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)

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