"Das ist alles": Annäherungen an die Bewohner eines russischen Dorfes
Der Satz fällt häufig in den Erzählungen der Bewohnerinnen und Bewohner von Jasnaja Poljana: "Das ist alles".
Meist beschließen sie damit
ihre Ausführungen, und in der
lapidaren Redewendung
drückt sich weniger der Umstand aus, dass sie nichts zu
erzählen hätten, als vielmehr
die Einschätzung, dass das
doch gar nichts Besonderes
sei, was sie aus ihrem Leben
zu berichten haben.
Das ist alles, der Dokumentarfilm von Tizza Covi und
Martin Frimmel (Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre),
ihre erste Langfilm-Arbeit, besteht großteils aus langen, ungeschnittenen Einstellungen
ohne Kamerabewegung. Manche Aufnahmen wirken wie
altmodische Fotografenporträts - wohl auch deshalb, weil
die Porträtierten angesichts
der Aufnahmesituation eine
entsprechende Ernsthaftigkeit
und vorsichtige Zurückhaltung an den Tag legen.
Zwischen die Gespräche
sind weitläufige Ansichten
des Ortes und seiner Umgebung montiert. Es gibt keinen
Kommentar, keine Off-Musik
und keine direkten Interventionen der Filmemacher.
Hauptsächlich aus den Berichten entsteht langsam ein -
vielleicht etwas zu fragmentarischer und zu implizit gehaltener - Eindruck vom Alltag
und von den Arbeitsabläufen,
die ihn prägen. Von der Geschichte des Dorfes und von
den Wanderbewegungen innerhalb der ehemaligen Sowjetunion und der Besiedelungspolitik der letzten Jahrzehnte:
Zum einen ist Jasnaja Poljana als Standort des 1732 gegründeten Pferdegestüts Trakehnen berühmt geworden.
Viele der älteren Bewohner
wurden nach dem Zweiten
Weltkrieg hier angesiedelt. In
den vergangenen zehn Jahren
sind viele Kasachen zugewandert, aber auch Armenier
aus Aserbeidschan oder das
deutschstämmige Ehepaar
Deis mit seinen drei Töchtern,
von denen inzwischen zwei -
zum Bedauern der Mutter -
russische Ehemänner haben.
Vor allem die Auftritte von
Herrn Deis, der mit Hingabe
die diversen Pflanzen und
Unkräuter auf seinem Acker
erklärt und dem fast die Tränen kommen, wenn er von der
Zerstörung des Ökosystems an
seinem ehemaligen Wohnort
in Sibirien erzählt, gehören zu
den Glücksmomenten dieses
Films.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)
Von
Isabella
Reicher
Stadtkino,
30. 10., 20.30
Künstlerhaus Kino,
31. 10., 23.30