Jean-Luc Godards "Eloge de l'amour": Ein Film wie ein
Notizbuch
"Eloge de l'amour" -
ein Film wie ein
Notizbuch von Jean-Luc Godard: Fiktionen
und essayistische
Skizzen thematisieren
etwa den Wert von
Erinnerung, den man
nicht mit Marktwert
verwechseln sollte.
"Ich disputiere gerne", hat
Jean-Luc Godard einmal gesagt: "Es ist mir lieber, Journalisten hassen einen meiner
Filme und reden darüber, als
sie sagen: großartig. Bewegend. Was kann man darauf
schon sagen?"
Eloge de l'amour ist nun tatsächlich ein Film, bei dem
sich das beliebte "Großartig"
eher verbietet, zumindest
nach der ersten Betrachtung,
weil Godard hier praktisch
nichts im Sinne von erzählerischen oder gedanklichen Bögen zu Ende führt. Wenn ein
Notizfilm in der Tradition von
Tagebüchern oder Skizzenblöcken denkbar ist, dann
kommt dieses Werk dieser
Vorstellung ziemlich nahe.
Es ist da die Rede von einem
"Projekt" über die Liebe, bei
dem nicht klar ist, ob es Theaterstück, ein Film oder gar
eine Oper werden soll. Der
Autor dieses "Projekts" verfällt einer faszinierenden
Frau. Dazu filmt Godard Paris
in Schwarzweiß, wie er es seit
den frühen Nouvelle Vague-Zeiten nicht mehr getan hat.
Er skizziert eine kurze
Hommage an den verstorbenen Regisseur Robert Bresson,
fügt digitale Bildmanipulationen hinzu, in denen gewissermaßen das große Videoprojekt Histoire(s) du Cinema
wie ein gewaltiger Handapparat in diesen Film hineinragt.
Und schließlich wagt er so etwas wie eine abschließende
Farce: Einem alten Ehepaar,
das einst in der Resistance
kämpfte, will ein Hollywood-Studio die Rechte an seiner
Lebensgeschichte abkaufen.
Das ist, obwohl zwei Jahre vor
den ersten Episoden geschehen und "erinnert", in Farbe
gefilmt, weil, so Godard: "Wer
sagt, dass Erinnerungen immer in Schwarzweiß erzählt
werden müssen?"
Was kann man darauf sagen? In einem Interview hat
Godard übrigens erklärt, dass
er für sein Leben gern Sänger
wäre. Auch so eine seltsame
Zwischenschaltung, weil seinerseits gerade dieser Filmemacher nicht Musik oder Literatur oder sonst was mit filmischen Mitteln macht, sondern
immer: Kino. "Aber immer als
Versuch, wie es vorher noch
keiner gemacht hat."
Wenn man jetzt also Eloge
de l'amour mit einem von Godards Lieblingsbüchern, Pessoas Buch der Unruhe assoziiert, dann will das heißen:
Niemand hat im Kino bis dato
versucht, dem Übergang zwischen Skizze und Werk eine
eigene Wertigkeit abzugewinnen. Dieser Film versucht,
ohne sich Mediokrität zu gestatten, Vorläufigkeiten, wo
schon zu viel zu Ende gedacht
und abgeschlossen ist - abgeschlossen auch wie ein Kontrakt, den man über sein Leben, seine Liebe, seine Ideen
mit der Filmindustrie abschließen kann.
Godard verweigert diese
Kontrakte. Er verweigert sich
selbst das Prädikat "Altmeister". Und gerade hier, in diesem Übergangsfilm, setzt er
auf ein Kino "dazwischen":
zwischen den Stühlen, zwischen den Zeiten, zwischen
den Begriffen. Und wenn jetzt
jemand sagt, dass ihm bei Eloge de l'amour mitunter ein
wenig fad ist, dann kann man
auch darüber diskutieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)
Von
Claus Philipp
Gartenbau,
30. 10., 18.00