Eine Aufforderung zum Widerspruch

29. Oktober 2001, 19:27
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    foto: viennale

Jean-Luc Godards "Eloge de l'amour": Ein Film wie ein Notizbuch

"Eloge de l'amour" - ein Film wie ein Notizbuch von Jean-Luc Godard: Fiktionen und essayistische Skizzen thematisieren etwa den Wert von Erinnerung, den man nicht mit Marktwert verwechseln sollte.


"Ich disputiere gerne", hat Jean-Luc Godard einmal gesagt: "Es ist mir lieber, Journalisten hassen einen meiner Filme und reden darüber, als sie sagen: großartig. Bewegend. Was kann man darauf schon sagen?"

Eloge de l'amour ist nun tatsächlich ein Film, bei dem sich das beliebte "Großartig" eher verbietet, zumindest nach der ersten Betrachtung, weil Godard hier praktisch nichts im Sinne von erzählerischen oder gedanklichen Bögen zu Ende führt. Wenn ein Notizfilm in der Tradition von Tagebüchern oder Skizzenblöcken denkbar ist, dann kommt dieses Werk dieser Vorstellung ziemlich nahe.

Es ist da die Rede von einem "Projekt" über die Liebe, bei dem nicht klar ist, ob es Theaterstück, ein Film oder gar eine Oper werden soll. Der Autor dieses "Projekts" verfällt einer faszinierenden Frau. Dazu filmt Godard Paris in Schwarzweiß, wie er es seit den frühen Nouvelle Vague-Zeiten nicht mehr getan hat.

Er skizziert eine kurze Hommage an den verstorbenen Regisseur Robert Bresson, fügt digitale Bildmanipulationen hinzu, in denen gewissermaßen das große Videoprojekt Histoire(s) du Cinema wie ein gewaltiger Handapparat in diesen Film hineinragt.

Und schließlich wagt er so etwas wie eine abschließende Farce: Einem alten Ehepaar, das einst in der Resistance kämpfte, will ein Hollywood-Studio die Rechte an seiner Lebensgeschichte abkaufen. Das ist, obwohl zwei Jahre vor den ersten Episoden geschehen und "erinnert", in Farbe gefilmt, weil, so Godard: "Wer sagt, dass Erinnerungen immer in Schwarzweiß erzählt werden müssen?"

Was kann man darauf sagen? In einem Interview hat Godard übrigens erklärt, dass er für sein Leben gern Sänger wäre. Auch so eine seltsame Zwischenschaltung, weil seinerseits gerade dieser Filmemacher nicht Musik oder Literatur oder sonst was mit filmischen Mitteln macht, sondern immer: Kino. "Aber immer als Versuch, wie es vorher noch keiner gemacht hat."

Wenn man jetzt also Eloge de l'amour mit einem von Godards Lieblingsbüchern, Pessoas Buch der Unruhe assoziiert, dann will das heißen: Niemand hat im Kino bis dato versucht, dem Übergang zwischen Skizze und Werk eine eigene Wertigkeit abzugewinnen. Dieser Film versucht, ohne sich Mediokrität zu gestatten, Vorläufigkeiten, wo schon zu viel zu Ende gedacht und abgeschlossen ist - abgeschlossen auch wie ein Kontrakt, den man über sein Leben, seine Liebe, seine Ideen mit der Filmindustrie abschließen kann.

Godard verweigert diese Kontrakte. Er verweigert sich selbst das Prädikat "Altmeister". Und gerade hier, in diesem Übergangsfilm, setzt er auf ein Kino "dazwischen": zwischen den Stühlen, zwischen den Zeiten, zwischen den Begriffen. Und wenn jetzt jemand sagt, dass ihm bei Eloge de l'amour mitunter ein wenig fad ist, dann kann man auch darüber diskutieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)

 Von
  Claus Philipp


Gartenbau,
30. 10., 18.00
Roderic Schuchart
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29.3.2012, 11:14
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