Viel mehr als ein Director's Cut: Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now Redux"
Viel mehr als ein Director's Cut eines Klassikers "Apocalypse Now Redux": US-Regisseur
Francis Ford Coppola wagt eine neue Lesart der
Übermenge an Material, das er in den 70er-Jahren für seinen Kriegsfilm drehte. Die Reise
ins "Herz der Finsternis" bereichert er um
wesentliche Episoden und Facetten.
Ziemlich früh in diesem Film
leistet sich der Regisseur
einen kleinen, signifikanten
Cameo-Auftritt. Während Robert Duvall als durchgeknallter Lieutenant Kilgore den zunehmend fassungslosen Captain Willard (Martin Sheen) in
die kunstvolle Verbindung
von Krieg und Wellenreiterei
einführt und rundherum die
Hölle losbricht, sehen wir
Francis Ford Coppola, wie er
hektisch ein Kamerateam dirigiert. Es wurde deutlich: Die
medialen Inszenierungen einer realen Schlacht und eines
Kriegsfilms sind in Logistik
und in ihren Strategien nicht
so unterschiedlich, wie man
gerne meinen möchte.
Hearts of Darkness. A Filmmaker's Apocalypse hieß vor
wenigen Jahren eine Dokumentation, die Coppolas ganz
persönlichen Alptraum beim
legendären Dreh von Apocalypse Now auf den Philippinen
zeigte. Als er 1977 in Cannes
bereits für das unvollständige
"work in progress" seines
Vietnamfilms mit der Goldenen Palme ausgezeichnet
wurde, lag hinter dem Filmemacher ein schier endloser
Kampf gegen Naturkatastrophen, chaotische Drehbedingungen und ein Studio, das
immer wieder Druck ausübte.
Ein Kampf, dem die - relative -
Konventionalität des fertigen
Films eigentlich Hohn sprach.
"Ursprünglich wusste ich,
dass das gedrehte Material ein
fünfstündiges Epos ergeben
und locker tragen würde", so
Coppola, "aber damals war
schon das Ansinnen, über
zwei Stunden lang etwas zu
präsentieren, das irgendwie
doch auch als Actionkino mit
Stars wie Marlon Brando vermarktet wurde, ein Wahnsinn." Apocalypse Now war also in seiner ersten Version lediglich ein famoses Fragment
einer Vision, die letztlich
nichts weniger beanspruchte,
als Joseph Conrads Reise ins
Herz der Finsternis auf das
umstrittene US-Engagement
in Vietnam zu übertragen.
Conrads Novelle ist unter
anderem eine virtuose Abhandlung über ökonomische
(Selbst-)Ausbeutung. Wer das
Buch gelesen hat, kommt
nicht umhin, Coppolas Übertragung auf den damals kontrovers diskutierten Krieg etwas plakativ zu finden. Kurtz,
der Handlungsreisende etwa,
der bei Conrad in Belgisch-Kongo seinen Kalkulationen
und seinem Machtkalkül erliegt, ist in Apocalypse Now als
kahlköpfiger Colonel Kurtz
viel zu geschichtslos und -
Marlon Brando im Halbdunkel! - mythisiert, und er stiehlt
allzu effektvoll als psychopathischer Kriegsgott dem von
Martin Sheen gespielten Helden die Show. (Wenn das jetzt
zu hart klingen mag: Zweifelsohne war Coppolas Film
dennoch ein hypnotisierendes
großes Werk.)
Geld, Gewalt, Show
Apocalypse Now Redux,
heuer von Coppola ebenfalls
in Cannes präsentiert, zeigt
nun, dass im ursprünglichen
Konzept, das der Regisseur
gemeinsam mit Drehbuchautor John Milius entwickelte,
mehr Perspektiven angelegt
waren: Das kolonialistische
Element etwa wird breitflächig in einer großen Sequenz
in einer französischen Enklave am Ende der Welt thematisiert. Die Querverbindungen
von Geld, Gewalt und Show
stellte Coppola nicht nur in den legendären Militär-Entertainment-Zirkus-Szenen aus,
sondern auch in einer fürchterlichen, tragikomischen
Szene unter Prostituierten im
sumpfigen Niemandsland.
Und, jetzt auch erstmals zu
sehen: Brando tat durchaus
mehr als gedankenschwer
"The Horrors!" zu mümmeln:
Einmal sieht man ihn in Apocalypse Now Redux, wie er die
US-Medienberichterstattung
aus Vietnam quasi improvisierend im Alleingang auseinandernimmt.
Die Neuversion des Films
ist also bei weitem mehr als
ein konventioneller Director’s
Cut. Gut 50 Minuten länger,
wurde das Epos von Coppola
und dem Schnittmeister Walter Murch auch in "bekannten" Szenen über weite Strecken neu montiert. Es ist nun
weniger auf Wucht versessen
(auch wenn der explodierende
Dschungel am Anfang zu den
Doors und "This is the
end..." immer noch höllisch
nachhallt). Er ist präziser, gelassener, auch humorvoller in
seinen Menschenporträts.
Und er bedenkt jetzt quasi die
Vietnamfilm-Geschichte, die
er auslöste, retrospektiv mit.
Coppola, dessen persönliche Apokalypse mit diesem
Werk erst ihren Anfang
nahm - man denke nur an den
Flop und das ökonomische
Desaster des Musicals One
From the Heart - nahm heuer
die Standing Ovations in
Cannes sichtbar gerührt auf.
In einem Jahr, in dem
Kriegsspektakel wie Pearl
Harbour das Publikum mit digitalen Effekten überrumpeln,
war Apocalypse Now Redux
nicht zuletzt wie eine Rückkehr in Zeiten, in denen man
über die Welt noch "analog",
also mit authentischem Material erzählen musste. "Dass
wir daran fast zerbrochen wären", so Coppola, "trägt wahrscheinlich nicht unwesentlich zur Wahrhaftigkeit des
Resultats bei."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)
Von
Claus Philipp
Gartenbau,
30. 10., 20.30
Offiziell startet "Apocalypse
Now Redux" am Freitag in den
heimischen Kinos.