Eine ganz persönliche Apokalypse

29. Oktober 2001, 20:09

Viel mehr als ein Director's Cut: Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now Redux"

Viel mehr als ein Director's Cut eines Klassikers "Apocalypse Now Redux": US-Regisseur Francis Ford Coppola wagt eine neue Lesart der Übermenge an Material, das er in den 70er-Jahren für seinen Kriegsfilm drehte. Die Reise ins "Herz der Finsternis" bereichert er um wesentliche Episoden und Facetten.


Ziemlich früh in diesem Film leistet sich der Regisseur einen kleinen, signifikanten Cameo-Auftritt. Während Robert Duvall als durchgeknallter Lieutenant Kilgore den zunehmend fassungslosen Captain Willard (Martin Sheen) in die kunstvolle Verbindung von Krieg und Wellenreiterei einführt und rundherum die Hölle losbricht, sehen wir Francis Ford Coppola, wie er hektisch ein Kamerateam dirigiert. Es wurde deutlich: Die medialen Inszenierungen einer realen Schlacht und eines Kriegsfilms sind in Logistik und in ihren Strategien nicht so unterschiedlich, wie man gerne meinen möchte.

Hearts of Darkness. A Filmmaker's Apocalypse hieß vor wenigen Jahren eine Dokumentation, die Coppolas ganz persönlichen Alptraum beim legendären Dreh von Apocalypse Now auf den Philippinen zeigte. Als er 1977 in Cannes bereits für das unvollständige "work in progress" seines Vietnamfilms mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, lag hinter dem Filmemacher ein schier endloser Kampf gegen Naturkatastrophen, chaotische Drehbedingungen und ein Studio, das immer wieder Druck ausübte. Ein Kampf, dem die - relative - Konventionalität des fertigen Films eigentlich Hohn sprach.

"Ursprünglich wusste ich, dass das gedrehte Material ein fünfstündiges Epos ergeben und locker tragen würde", so Coppola, "aber damals war schon das Ansinnen, über zwei Stunden lang etwas zu präsentieren, das irgendwie doch auch als Actionkino mit Stars wie Marlon Brando vermarktet wurde, ein Wahnsinn." Apocalypse Now war also in seiner ersten Version lediglich ein famoses Fragment einer Vision, die letztlich nichts weniger beanspruchte, als Joseph Conrads Reise ins Herz der Finsternis auf das umstrittene US-Engagement in Vietnam zu übertragen.

Conrads Novelle ist unter anderem eine virtuose Abhandlung über ökonomische (Selbst-)Ausbeutung. Wer das Buch gelesen hat, kommt nicht umhin, Coppolas Übertragung auf den damals kontrovers diskutierten Krieg etwas plakativ zu finden. Kurtz, der Handlungsreisende etwa, der bei Conrad in Belgisch-Kongo seinen Kalkulationen und seinem Machtkalkül erliegt, ist in Apocalypse Now als kahlköpfiger Colonel Kurtz viel zu geschichtslos und - Marlon Brando im Halbdunkel! - mythisiert, und er stiehlt allzu effektvoll als psychopathischer Kriegsgott dem von Martin Sheen gespielten Helden die Show. (Wenn das jetzt zu hart klingen mag: Zweifelsohne war Coppolas Film dennoch ein hypnotisierendes großes Werk.)

Geld, Gewalt, Show

Apocalypse Now Redux, heuer von Coppola ebenfalls in Cannes präsentiert, zeigt nun, dass im ursprünglichen Konzept, das der Regisseur gemeinsam mit Drehbuchautor John Milius entwickelte, mehr Perspektiven angelegt waren: Das kolonialistische Element etwa wird breitflächig in einer großen Sequenz in einer französischen Enklave am Ende der Welt thematisiert. Die Querverbindungen von Geld, Gewalt und Show stellte Coppola nicht nur in den legendären Militär-Entertainment-Zirkus-Szenen aus, sondern auch in einer fürchterlichen, tragikomischen Szene unter Prostituierten im sumpfigen Niemandsland.

Und, jetzt auch erstmals zu sehen: Brando tat durchaus mehr als gedankenschwer "The Horrors!" zu mümmeln: Einmal sieht man ihn in Apocalypse Now Redux, wie er die US-Medienberichterstattung aus Vietnam quasi improvisierend im Alleingang auseinandernimmt.

Die Neuversion des Films ist also bei weitem mehr als ein konventioneller Director’s Cut. Gut 50 Minuten länger, wurde das Epos von Coppola und dem Schnittmeister Walter Murch auch in "bekannten" Szenen über weite Strecken neu montiert. Es ist nun weniger auf Wucht versessen (auch wenn der explodierende Dschungel am Anfang zu den Doors und "This is the end..." immer noch höllisch nachhallt). Er ist präziser, gelassener, auch humorvoller in seinen Menschenporträts. Und er bedenkt jetzt quasi die Vietnamfilm-Geschichte, die er auslöste, retrospektiv mit.

Coppola, dessen persönliche Apokalypse mit diesem Werk erst ihren Anfang nahm - man denke nur an den Flop und das ökonomische Desaster des Musicals One From the Heart - nahm heuer die Standing Ovations in Cannes sichtbar gerührt auf.

In einem Jahr, in dem Kriegsspektakel wie Pearl Harbour das Publikum mit digitalen Effekten überrumpeln, war Apocalypse Now Redux nicht zuletzt wie eine Rückkehr in Zeiten, in denen man über die Welt noch "analog", also mit authentischem Material erzählen musste. "Dass wir daran fast zerbrochen wären", so Coppola, "trägt wahrscheinlich nicht unwesentlich zur Wahrhaftigkeit des Resultats bei."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)

 Von
  Claus Philipp


Gartenbau,
30. 10., 20.30

Offiziell startet "Apocalypse Now Redux" am Freitag in den heimischen Kinos.


"Apocalypse..."
@
Miramax

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