Sitz- und andere Kulturleiden

5. November 2001, 16:04
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Nicht, dass ich vor hätte, allzu oft ins UCI in der Millenium City zu fahren. Schon allein aus Gründen des Menschenschutzes. Weil A. dort Amok laufen würde. Bei der Eröffnung des Riesenkinos samt begleitender Systemabfertigungsgastro- und -unterhaltungsszenerie konnte ich sie gerade noch vom Griff zum Morgenstern und Schrotflinte abhalten. (So gesehen verdanken mir Franz und Christine Vranitzky ihr Leben: Sie standen unmittelbar vor uns auf der Rolltreppe ins UCI, als A. das erste mal gewalttätig werden wollte.) Ich weiß nicht, wie oft mir so was gelänge.

Denn A. entwickelt eine immer ausgeprägtere Antipathie gegen den in Horden an Systemunterhalungsstätten auftretenden Systemkonsumenten. Auch wenn das snobbistisch klingt (und ist). Dazu steht sie. Ich übrigens auch. Weil Leute, die sich in Megaplexxen herumtreiben, dazu tendieren, innerhalb kürzester Zeit genauso stromlinienförmig auszusehen. Wie die Szenerie ringsum. (Die Vranitzkys vielleicht ausgenommen , aber die sind nicht Zielgruppe.) Weil das stereotype Bummbumm ebendort (Im UCI spielten sie Gladiatoren-Fanfaren. Auch nicht besser.) sich mit den Geräuschen von Küchen und Automaten zur Kakaphonie der Einfalt mischt. In der geht man entweder auf- oder drauf. Weil das Publikum ... Stopp: Meinen Snobbismus habe ich ja schon gestanden.

Bein- statt Gedankenfreiheit

Das Blöde ist halt: Die Sitze. Wenn man sich einmal durch das Grauen gewälzt hat, sitzt, sieht und hört man ein bisserl besser. Nicht nur als in Stadtkino, Schikaneder oder Filmcasino. Beinfreiheit. Lehnenhöhe. Sitzbreite. Blickfreiheit. Solche Nebensächlichkeiten halt. Bezeichnenderweise war A. sofort ganz friedlich, als wir in einem 700-Sitze Saal saßen: Nach-, Vor- und Hinterbarn waren gar nicht mehr da. "Wenn die aufhören, Lasershows abzuhalten und anfangen, sehbare Filme zu spielen, seh ich auch für die Programmkinos schwarz", gab A. die Cassandra.

Tags darauf verstaute ich meine nicht wirklich langen Beine in einer Burgtheater-Sesselreihe. Als der Mann am anderen Ende der Reihe versuchte, seine Sitzposition zu ändern, wackelte auch mein Sessel. Das ganze Möbel knarzte. Lauter, als Elisabeth und Maria vorne leiden und herrschen konnten. A. warf mir einen langen Blick zu. In der Pause versuchten wir so zu tun, als hätten wir uns nicht nach Megaplexx-Sesseln gesehnt. Zu Hause sagte sie es dann aber doch: "Nur gut, dass am Stadtrand keiner Mega-Theater baut."

NACHLESE

--> Zu viel gescheit
--> Gasmasken
--> Vom Frühstück
--> “Der hygienische Handschuh”
--> “Tanzverbot”
--> “Tolle Bilder”
--> Die Erbin der Torte
--> Gasometer
--> Stirb, Sofie
--> Von Svihalek träumen
--> A.'s erste Bürgerinitiative
--> Nepals schlafende Hunde
--> Weitere Stadtgeschichten...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/ Panorama
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