Ozean kein Klimaretter

9. November 2001, 21:35
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Forscher warnen vor Entsorgung von CO2 im Meer

Washington - Anlässlich der am Montag in Marrakesch beginnenden nächsten Runde der Kioto-Verhandlungen warnen Forscher davor, die Probleme des Weltklimas auf Kosten der Weltmeere lösen zu wollen: Es gibt Pläne, viel Treibhausgas CO2 in den Ozeanen zu entsorgen. Die Realisierung rückt näher, weil der Kyoto-Vertrag auch einen Handel mit CO2 vorsieht: Wer es wegschafft, kann gut verdienen.

Das will etwa die Firma Green Sea Venture mit einer großflächigen Düngung des Ozeans. Viele Meeresregionen sind nährstoffarm, etwa im äquatorialen Pazifik. Dort gedeiht kaum Phytoplankton, das erste Glied in der Nahrungskette. Deshalb entwickelte ein Ozeanologe in den 80er-Jahren die "Eisen-Hypothese": Düngte man mit dem Metall, würde Plankton blühen, CO2 aus der Atmosphäre auf- und nach dem Absterben mit in die Tiefe nehmen.

"Gebt mir einen halben Tanker voll Eisen und ich gebe euch die nächste Eiszeit", versprach der inzwischen verstorbene Forscher, und kleinflächige Versuche waren erfolgreich. Jetzt will Green Sea Venture erst 8000 Quadratkilometer im äquatorialen Pazifik experimentell düngen und dann 125.000 Quadratkilometer - etwa die eineinhalbfache Fläche Österreichs - kommerziell nutzen. Das könne mehr CO2 aufnehmen, als die gesamten USA ausstoßen, und zusätzlich noch den regionalen Fischfang vervierhundertfachen.

Konsequenzen unüberschaubar

"Die Konsequenzen lassen sich gar nicht überschauen", urteilt Sallie Chisholm, Umweltingenieurin am Massachusetts Institute of Technology, "das Meer ist kein festes Land, niemand weiß, wo die Strömungen den Dünger hinbringen würden."

Was man weiß, weiß man aus Modellrechnungen - die Lebensgemeinschaften würden sich umstellen und vermutlich mehr Treibhausgase, vor allem Methan, produzieren. Und tief unten im Meer würde das absinkende Plankton allen Sauerstoff aufzehren und das dortige Leben verdrängen. Das kennt man von anderen Ökosystemen, Binnen- und Küstengewässern, die an Überdüngung zugrunde gingen.

"Meeresdüngung darf nicht in den CO2-Handel eingehen", fordert Chisholm und weiß sich einig mit Brad Seibel vom Monterey Bay Aquarium, der vor einer anderen Variante der CO2-Entsorgung ins Meer warnt, dem Hinabpumpen des Gases in die Tiefsee. Dadurch würde sich der Säuregehalt dieser Gewässer in kürzester Zeit so verändern, dass die Lebensgemeinschaften nicht reagieren könnten. (Science, Vol. 294, S. 310, 319)

(jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.10.2001)

Wir bitten um Entschuldigung dafür, dass in der ursprünglichen Version dieses Artikels aus CO2 wieder einmal CO geworden ist. Unser Textbearbeitungs- Programm frisst die kleinen beigestellten Zahlen, die im Original vorhanden waren. Der Fehler tritt stets bei der Übernahme von Print-Artikeln auf. Sehr frustrierend.
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