Genusssache Ramadan

5. November 2001, 11:59
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Noch haben sie es relativ gut, die observierenden Muslime und Musliminnen auf der nördlichen Halbkugel, denn der Ramadan, ein in unserem Sonnenkalender durchs Jahr wandernder Mondmonat, fällt hier momentan in die Winterzeit

Aber im Sommer, etwa in Afghanistan - wo die Tage durch die nördliche Lage länger sind und wo es keine Klimaanlagen gibt wie am reichen arabischen Golf -, von Sonnenaufgang bis -untergang nichts zu essen und zu trinken (!), nicht zu rauchen und sich auch sonst nichts Genusshaftes (wie Parfum) zuzuführen, da weiß man danach, wo Gott wohnt. An den ebenfalls verbotenen Austausch von Körpersäften mit einer anderen Person denken Sie da eh nicht mehr.

Der Ramadan und das Fasten, eine der "Säulen" des islamischen Glaubens, ist in Form eines sowohl wissenschaftlich tadellosen als auch wunderschönen Buches wie des eben im Knesebeck Verlag erschienenen "Ramadan. Fasten mit allen Sinnen" für unsereinen schon leichter auszuhalten. Überhaupt könnte man zum Eindruck kommen, Ramadan sei eine reine Genusssache, und dem widersprechen auch die Statistiken über den Lebensmittelverbrauch in den islamischen Ländern nicht - was da in den Nächten verputzt wird, ist gewaltig. Weniger schön die Zahlen über Verkehrsunfälle in der abendlichen Rush hour, wenn alle geschwächt nach Hause rasen, um beim Fastenbrechen pünktlich vor der Schale mit Datteln, der Milch oder dem Saft zu sitzen, mit der man den Magen wieder an die Nahrungsaufnahme gewöhnt.

Ramadan, das ist auch Folklore, ist ein wichtiger Schritt beim Erwachsenwerden - wann "darf" ich zum ersten Mal fasten -, ist eine Gelegenheit, seine verbissene Rückständigkeit oder seine lockere Aufgeklärtheit zu beweisen: Aus Marokko, einem der Länder, wo der Ramadan besonders hoch gehalten wird, berichtet ein Freund, dass in gewissen Kreisen nun auch das Zähneputzen untertags etwas Gottloses sei. Demhingegen pflegt ein irakischer Freund als sein ganz persönliches Ramadan-Opfer alljährlich auf seinen geliebten Whisky zu verzichten, er trinkt eben dann nur Wein (regen Sie sich nicht auf, so Sie katholisch sind und trotzdem verhüten . . .). Gudrun Harrer

Im islamischen Fastenmonat wird nicht nur gehungert

Angela Grünert, Christel Becker-Rau: Ramadan. Fasten mit allen Sinnen. Vorwort von Assia Djebar. Knesebeck, München 2001. 200 Seiten,
öS 569 /EURO 41,4

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