Ich bin die Kantine

1. November 2001, 17:55
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Michael König praktiziert Betriebsverpflegung mit menschlichem Antlitz. Mit seinem Antlitz nämlich

Man hört Betriebskantine und denkt an Dinge wie Haushaltsgeld oder Rentenreform. Das, was sich dahinter verbirgt, ist in den meisten Fällen auch nicht viel attraktiver. Betriebskantinen, das sind jene Orte, an denen es immer nach zerkochtem Karfiol riecht, egal ob Bratwurst auf der weißen Tafel angekündigt wird oder Fisch wie jeden Freitag. Es sind Hallen mit trübem Licht, in denen Tabletts aus braunem Plastik und eine Einrichtung namens "Salattheke" allen Moden überdauern konnten. Betriebskantinen der älteren Generation erkennt man an Speisen, die "Spagetti Bolonaise" oder "Gordon bleu" geschrieben werden, in denen neueren Typs finden sich Zettel, auf denen man Fragen wie "War Ihnen unser Feldsalat knackig genug?" mit lachenden oder weinenden Strichmännchengesichter beantworten muss. Kurz, Betriebskantinen sind das Letzte, und der einzige Grund, warum man sie aufsucht, ist, weil man sonst nirgends erfährt, ob Sekretärin Miranda mit dem Praktikanten im Kino war.

Die Alternative ist, gar keine Kantinen einzurichten und auf die Eigeninitiative der Mitarbeiter zu vertrauen. Das hat zwar den Vorteil, dass unter Kollegen nicht mehr mit "Mahlzeit" gegrüßt wird, dafür muss man aber bereits um zehn Uhr vormittags wissen, mit wem man wohin gehen will, um herauszukriegen, ob Sekretärin Miranda schwanger ist. Wer niemanden findet, ist darauf angewiesen, einen Pizzadienst kommen zu lassen oder belegte Brote zu holen, die immer nach U-Bahn-Unterführung schmecken. Es gibt im Deutschen ein Wort für den Vorgang, am Computer ein Sandwich mit Tunfisch oder Salami zu verzehren. Es lautet "mampfen".

Zum Glück gibt es Leute wie Michael König. Der 27 Jahre alte Mathematikstudent aus Berlin hat eine Synthese der beiden Essensformen gefunden. Die Marktlücke, die es bis jetzt leider nur in Berlin gibt, heißt "Flying kitchen", und man muss sich darunter eine Art Betriebskantine auf Abruf vorstellen: Man ruft eine Hotline an, und dann kommt der quirlige junge Mann ins Büro, einen dieser Einkaufswagen hinter sich herziehend, die in Berlin liebevoll "Hacken-Porsche" genannt werden. Dem entnimmt er dann Huhn, Fisch, Reis, frisches Gemüse und Gewürze, stellt sich in die Teeküche oder an die mitgebrachten Kochplattem und fabriziert ein Menü für zehn bis 25 Leute, das pro Kopf um die öS 100 / EURO 7,27 kostet. Es ist nicht irgendein Essen, sondern strengen Ernährungstheorien verpflichtet. Bei König werden sowohl Makrobiotik als auch chinesische Medizin berücksichtigt.

--> chinesische Medizin und Ernährung...

von Verena Mayer

Flying Kitchen, michasflyingkitchen.de
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