"Ich bin eigentlich das normale Kinopublikum"

30. Oktober 2006, 15:02
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Ilse Aichinger im Gespräch mit dem STANDARD über Gegenkultur und ihr Buch "Film und Verhängnis" - Nachlese eines Interviews vom Oktober 2001

Foto: Viennale
Ilse Aichinger bei der Eröffnungsgala der "Viennale".
Neben ihr STANDARD- Redakteur Richard Reichensperger *
Ilse Aichinger, die Kinogängerin, entwickelte aus ihren STANDARD-Texten seit der letzten Viennale eine neue Form der Autobiographie. Am Samstag liest sie mit Otto Sander im Metrokino aus ihrem Buch.

Ein Gespräch über Gegenkultur mit Claus Philipp und Richard Reichensperger.


STANDARD: In Ihrem neuen Buch "Film und Verhängnis" stellen Sie STANDARD-Kolumnen neben Erinnerungen, die lakonisch Katastrophen beschreiben - Film und Katastrophe?

Aichinger: Film ist eigentlich Glück, aber Glück ist ohne Verhängnis nicht vorstellbar, Verhängnis ohne Glück schon. Der Film zerstört Chronologie, da ist Finsternis zwischen den Bildern. Auch Erinnerung verfährt nicht chronologisch: Ich sehe einen Film, absolute Gegenwart - da tauchen Sätze auf, die vor siebzig Jahren in der Wohnung unserer Großmutter in der Hohlweggasse fielen.

STANDARD: Sie rufen Randexistenzen, ein nie akzeptiertes jüdisches Bürgertum, in Ihre Sprache, die selbst von Kinobildern gerufen wird. Damit aber kommen diese Randfiguren plötzlich mit der Ufa und Hollywood zusammen.

Aichinger: Dass die Hohlweggasse einmal bis Hollywood führt ...

STANDARD: Wobei Hollywood und die Ufa ja immer auch der Rand der Kunst waren. Der Film galt als bloße Unterhaltungsform, wie früher Jonglieren oder Tierdressuren.

Aichinger: Das Burgtheater wäre schon vom Anziehen her undenkbar gewesen. Meine Großmutter war nie in einem Kaffeehaus.

STANDARD: In "Der sichtbare Mensch" schreibt Béla Balázs schon 1924, das Kino sei eine Volkskunst. War für Ihre Angehörigen das Kino auch eine Möglichkeit von Dazugehören?

Aichinger: Die einzige Form. Und die Form für Identität, die uns nie ermöglicht wurde. Am Vorabend, bevor meine Schwester nach England emigrierte, waren wir noch in einem Film, einem Nazifilm, Der Gouverneur.

STANDARD: Ein politisch Korrekter würde vielleicht sagen: Diese Art von Kino soll nicht mehr gezeigt werden. Aber das ungewollt Komische deutlich zu machen und wie Sie über Leni Riefenstahl zu schreiben: "Herzlich gelacht!" - Wäre das nicht ein vitaler Umgang mit Verworfenheit?

Aichinger: Ja.

STANDARD: Wenn es Politik für Massen gegeben hätte, ohne Feindbilder und Vernichtung: Hätten Sie da mitgemacht?

Aichinger: Gewisse Formen von Dazugehören hätte ich nicht mitgemacht. Ich wäre aber gern bei einer Pfadfindergruppe gewesen. Ich verstehe den Impuls, zu einer Masse gehören zu wollen. Ich habe insofern Glück gehabt, als mir immer die Randfiguren das Wichtigere waren.

Wir waren einmal eingeladen in Bad Ischl, und da war das Kurkonzert. Da sind zum Entzücken meiner Schwester und von mir zwei Brüder aufgetaucht, ebenfalls Zwillinge, zwischen 50 und 60, sie hatten beide Strohhüte, sie waren berühmt dort, sie waren immer zu zweit, immer gleich angezogen, beide mit demselben Monokel. Da dachte ich: Das geht also auch, man gehört so dazu. Unsere Zwillingsexistenz kam mir da weniger absurd vor.

STANDARD: Film ist Massenkunst. Sie gehen an Filme völlig unvoreingenommen heran.

Aichinger: Ich bin eigentlich das ganz normale Kinopublikum, das sich alles erwartet.

STANDARD: Sie tauchen aber tief in Filme ein, beschreiben Farben, Landschaften, und Sie montieren Erinnerungen und unangepasstes Denken ein. Weniger ist von Technik zu lesen. Interessiert Sie das nicht?

Aichinger: Doch. Vor allem aber Landschaften.

STANDARD: Sie drehen gerne Dinge um. Jeder würde sagen: Kino ist Präsenz, aber Sie sprechen vom Verschwinden. Andere würden sagen, es geht um den Lichtstrahl. Sie sagen, es geht um die Finsternis.

Aichinger: Es ist ein ganz alter Wunsch. Ich wollte immer weg sein. Als Kind habe ich versucht, die Augen zuzumachen und dachte, einmal muss es doch gelingen, weg zu bleiben. Vor dem Kino entdeckte ich dafür die Bilder von Veronese. Diese wenigen Bilder wollte ich täglich sehen, um etwas in ihnen zu entdecken: Vielleicht kann man in ein Bild hinein und ist dann weg.

STANDARD: Ist es das Verschwinden eines Voyeurs, wo man in Sicherheit ist, und niemand kann einen attackieren?

Aichinger: Anders. Es bemerkt einen gar niemand. So habe ich Raum, zu beobachten, vor allem Nebenexistenzen, deren mögliches Leben, Beamte, Kassierinnen. Antikarrieren auf der Spur bleiben. Sie sind immerhin da, wer weiß, was hinter ihnen steckt, eine Weltvernunft, eine Komplikation der Welt?

STANDARD: So bringen Sie einmal Stan Laurel und Oliver Hardy ins Spiel. Das hätte man von Ihnen ja nie erwartet.

Aichinger: Stan Laurel hat mehr von englischer Gelassenheit. Ich fühle mich ja eher mit Ollie verwandt.

STANDARD: Lange ist von Ihnen nichts erschienen, jetzt jede Woche. Das "Journal des Verschwindens" in der Zeitung und im Buch ist so ja auch eines des Wiederauftauchens: Haben Sie immer so schnell geschrieben?

Aichinger: : Das ist ein spätes Glück. Obwohl - das Schreiben selbst ging immer sehr schnell, mit Ausnahme der Spiegelgeschichte, wofür ich zwei Jahre brauchte. Dazwischen immer Langeweile. Erst jetzt habe ich das Gefühl, dass das doch mein Beruf ist.

STANDARD: Wenn Sie jetzt an einem Vormittag wie eine Skizze eine Journal-Eintragung hinwerfen: Ist die Form für Sie jetzt weniger perfekt?

Aichinger: Das wäre mir recht, das Nichtperfekte. Dann hätte ich noch was zu tun.

STANDARD: >Sie wären eine tolle Reporterin im Chronikteil: über Verbrecher, gestrandete Existenzen ...

Aichinger: Randexistenzen. Die machen erst möglich, dass andere existieren können.

STANDARD: Sie beschreiben das Scheitern. Ist Ihre eigene Existenz für Sie eine gescheiterte?

Aichinger: Jetzt nicht mehr.

STANDARD: Ihre Kinotexte, in denen Erinnerungen oft nur in Nebensätzen aufleuchten, beschreiben oft Momente und schaffen Kinos der Vergangenheit, scheinbar weniger Gegenwart - wenn, dann wirkt das besonders massiv, etwa ein Polizist vor dem Filmmuseum, der Ihnen nicht über die Straße helfen will. Machen Sie Kehren vor der Gegenwart?

Aichinger: Sie ist im Film schon da, medial vermittelt, wie man oft hört. Mit der Gegenwart ist es aber so wie mit Menschen, mit denen man immer zusammen ist: Die scheinen manchmal am weitesten weg. Ich möchte die Gegenwart für mich selbst gegenwärtig machen. Ich muss mich zuerst an jetzt erinnern. Ich muss mir zuerst klar werden, dass ich jetzt da bin. Erst in der Erinnerung an die Gegenwart gibt es die an die Vergangenheit.

STANDARD: Neben der Auftragssituation - könnten Sie noch einmal einen Roman schreiben? Ein Tag für den STANDARD, einer für einen Roman?

Aichinger: Eher kleine Szenen über Sätze, die in Wien zu hören sind, wie unlängst beim Optiker: "Meine Mutter, Frau Riedl-Riedlfels, urgiert ihre Brille sehr dringend" - das wäre schon eine Szene. Die braucht gar nicht länger zu sein. Ich würde im nächsten Leben ja weiter für den STANDARD schreiben. Aber ich habe das Gefühl, ich überleb' alles. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)

* Ilse Aichinger über Richard Reichensperger, der 2004 an den Folgen eines Unfalls starb.
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