Tragödien aus Liebe

29. Oktober 2001, 01:13

"Große Unbekannte des Kinos", präsentiert vom Filmarchiv Austria

Unter dem Motto "Große Unbekannte des Kinos" präsentiert das Filmarchiv Austria internationales und österreichisches Filmerbe der Stummfilmzeit.


So wie sie den Strom, der ihnen den Weg vorgibt, nicht verlassen können, so unentrinnbar ist ihr Schicksal. Ein alter Mann, seine Frau und ein junger Matrose auf ihrem Schleppkahn bei der täglichen Arbeit. Der Kahn fährt in eine Schleuse ein, und während die Frau im Zimmer des jungen Mannes einen vollgemalten Zettel mit Herzen findet, die ihren Namen umschließen, bricht das Wasser in die Schleuse ein und lässt das Boot immer höher steigen.

Diese Montage, die die kommende Tragödie an Bord bereits zu Beginn versinnbildlicht, stammt aus Henrik Galeens Stadt in Sicht, einem unter dem Titel Große Unbekannte des Kinos vom Filmarchiv Austria präsentierten Drama aus dem Jahr 1922/23.

Doch unbekannt ist Galeen keineswegs: Er schrieb die Bücher für Murnaus Nosferatu oder Paul Lenis Das Wachsfigurenkabinett, führte aber auch etwa in Der Golem oder Der Student von Prag (1926) selbst Regie. Sein verschollen geglaubtes Werk Stadt in Sicht, nunmehr in restaurierter Fassung zu bewundern, ist eine Dreiecksgeschichte in einem abgeschlossenen Milieu, in das die Außenwelt einzubrechen beginnt, als ein Dieb und Mörder als Personifikation der städtischen Verruchtheit an Bord kommt.

Galeen überträgt die sozialen und moralischen Gegensätze in ein atmosphärisches Wechselspiel von semidokumentarischen Außenaufnahmen und Kammerspiel-artigen Szenen im Rumpf des Schiffes. Die Bewegung ist dabei stets eine doppelte: die des Bootes im Fluss, die der Tragödie an Bord.

Das Unheil nahm bekanntlich auch für Oberst Redl seinen Lauf, in der Verfilmung Hans Otto Löwensteins (1925) ist die Schuldfrage von Beginn an geklärt: Redl gerät in den Bann einer Frau und damit die Monarchie in Gefahr. Der Österreicher Löwenstein, der sich mit Vorliebe historischen Stoffen zuwandte, war im Ersten Weltkrieg Leiter der "Filmstelle des Kriegspressequartiers" (Löwensteins Die Vorführung der ins Feld gehenden, vom k.k. Kriegsministerium neu geschaffenen Feld-Sanitäts-Autokolonne wird ebenfalls gezeigt).

Der "Fall Redl" steht deshalb auch als Beispiel für die Schwächung der Armee von außen, während Redl selbst weniger als Verräter denn als tragischer Held am Ende seinen einsamen letzten Entschluss fasst.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)

 Von
  Michael Pekler


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