"Große Unbekannte des Kinos", präsentiert vom Filmarchiv Austria
Unter dem Motto
"Große Unbekannte
des Kinos" präsentiert
das Filmarchiv Austria
internationales und
österreichisches
Filmerbe der
Stummfilmzeit.
So wie sie den Strom, der ihnen den Weg vorgibt, nicht
verlassen können, so unentrinnbar ist ihr Schicksal. Ein
alter Mann, seine Frau und ein
junger Matrose auf ihrem
Schleppkahn bei der täglichen
Arbeit. Der Kahn fährt in eine
Schleuse ein, und während
die Frau im Zimmer des jungen Mannes einen vollgemalten Zettel mit Herzen findet,
die ihren Namen umschließen, bricht das Wasser in die
Schleuse ein und lässt das
Boot immer höher steigen.
Diese Montage, die die
kommende Tragödie an Bord
bereits zu Beginn versinnbildlicht, stammt aus Henrik
Galeens Stadt in Sicht, einem
unter dem Titel Große Unbekannte des Kinos vom Filmarchiv Austria präsentierten
Drama aus dem Jahr 1922/23.
Doch unbekannt ist Galeen
keineswegs: Er schrieb die
Bücher für Murnaus Nosferatu
oder Paul Lenis Das Wachsfigurenkabinett, führte aber
auch etwa in Der Golem oder
Der Student von Prag (1926)
selbst Regie. Sein verschollen
geglaubtes Werk Stadt in Sicht,
nunmehr in restaurierter Fassung zu bewundern, ist eine
Dreiecksgeschichte in einem
abgeschlossenen Milieu, in
das die Außenwelt einzubrechen beginnt, als ein Dieb und
Mörder als Personifikation der
städtischen Verruchtheit an
Bord kommt.
Galeen überträgt die sozialen und moralischen Gegensätze in ein atmosphärisches
Wechselspiel von semidokumentarischen Außenaufnahmen und Kammerspiel-artigen Szenen im Rumpf des
Schiffes. Die Bewegung ist dabei stets eine doppelte: die des
Bootes im Fluss, die der Tragödie an Bord.
Das Unheil nahm bekanntlich auch für Oberst Redl seinen Lauf, in der Verfilmung
Hans Otto Löwensteins (1925)
ist die Schuldfrage von Beginn
an geklärt: Redl gerät in den
Bann einer Frau und damit die
Monarchie in Gefahr. Der Österreicher Löwenstein, der
sich mit Vorliebe historischen
Stoffen zuwandte, war im Ersten Weltkrieg Leiter der "Filmstelle des Kriegspressequartiers" (Löwensteins Die Vorführung der ins Feld gehenden,
vom k.k. Kriegsministerium
neu geschaffenen Feld-Sanitäts-Autokolonne wird ebenfalls gezeigt).
Der "Fall Redl" steht deshalb auch als Beispiel für die
Schwächung der Armee von
außen, während Redl selbst
weniger als Verräter denn als
tragischer Held am Ende seinen einsamen letzten Entschluss fasst.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)
Von
Michael Pekler
Internationales Filmerbe:
Metro,
29. 10., 21.30
Österreichisches Filmerbe:
Metro,
30. 10., 21.30
Jeweils
mit Musikbegleitung