Die Zeit und der Strom

24. Oktober 2001 17:10
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    Foto: viennale

James Benning fügt seiner Trilogie über Kalifornien mit "Los" ein Porträt der Region Greater Los Angeles hinzu

Letztes Jahr präsentierte Viennale-Stammgast James Benning mit El Valley Centro den ersten Teil einer Trilogie über Kalifornien: seine Landschaft, deren Weite wie Geschichte, die Architektur der Städte, und wie sich in all dem die sozialen Realitäten eines komplexen multikulturellen Zusammenlebens spiegeln.

Dieses Jahr nun läuft mit Los der zweite, vielleicht sogar noch schönere/ poetischere/ spannungsvollere Teil dieses Opus magnum: Los betrachtet das Gebiet Greater Los Angeles. Wie schon El Valley Centro besteht auch Los aus einer Folge von fixen Kadern: Blicke auf Landschaften und Gebäude, mit Menschen davor oder auch nicht, aufgenommen mit Direktton, dessen Präsenz - Inhalt wie Fülle - genauso Teil an der präzisen, kinematographischen Komposition jeder Szene hat wie die der Bilder.

Weil es mittlerweile etwas Benning-untypisch ist, wäre auch zu erwähnen, dass die einzelnen Szenen von unterschiedlicher Länge sind. Das heißt, Los folgt keinem strengen, mathematisch-strukturellen Prinzip, sondern einem eigenen Rhythmus, der primär durch das, was zu sehen wie zu hören ist, bestimmt wird.

Diese Ansichten sind nicht durch Titel definiert: Der Film bildet seinen eigenen Fluss - die Verortungen, die Fundstellen der Bilder finden sich im Abspann, in einigen Fällen samt "Hintergrundinformationen" (zu einer sich formierenden Polizeistaffel erfährt man etwa, dass diese Szene wohl im Umfeld eines Parteitags der Demokraten aufgenommen wurde...). Was den eindringlichen Szenen noch einmal eine weitere Bedeutung verleiht, die über ihre primäre Bedeutung innerhalb des filmischen Flusses hinausgeht. Man kann in allen Fällen begründen, warum nun diese Szene auf jene Szene folgt, wenn man sich auf einen einzelnen Aspekt der Szene - meistens die visuelle Konstruktion, die Texturen, die Farben - konzentriert.

Doch das ist nur das, was den Film simpel vorantreibt, der Reiz, wenn man so will: Ein Motiv wird aufgenommen - etwa eine Bildkomposition, in deren Zentrum ein V steht -, im nächsten Bild modifiziert weitergeführt - das V verengt sich -, im folgenden Bild dann aber ist die Differenz in den Texturen das verbindende Moment. Was den einzelnen Szenen jedoch nichts von ihrer individuellen Fülle nimmt.

Schön ist, wie Bennings Zugriff auf die Welt allem eine Sinnhaftigkeit verleiht. Die weiterführenden Verflechtungen sind um einiges komplexer. Da gibt es Szenenfolgen, die "Geschichten erzählen", soziale Zusammenhänge zur Diskussion stellen. Während andere - über den Fluss hinweg, wenn man das Gewebe von Los nun als Mosaik betrachtet - einen eigenständigen Diskurs führen: über Ethnien, das Wesen der Arbeit, des Handels, die für L.A. so wesentliche Präsenz wie Kontrolle des Wassers ...

Einzelne Szenen wirken in sich oft wie poetische Fermaten, die mitunter ironisch anmuten - das echt amerikanische Pastorale mit Ölpumpe, das von Yo-Bad-Azz-Gerappe überweht wird -, dann wieder episch - die LAX-Landebahn und der riesige Schatten des Flugzeugs, das über einen hinweg donnert - oder einfach kontemplativ.

So wie Los ganz schlicht wirkt und doch zu den gewaltigsten Erfahrungen dieses Filmjahres zählt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)

 Von
  Olaf Möller


Stadkino,
26. 10., 20.30;

Metro,
27. 10., 11.00
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