James Benning fügt seiner Trilogie über Kalifornien mit "Los" ein Porträt der Region Greater Los Angeles hinzu
Letztes Jahr präsentierte
Viennale-Stammgast James Benning mit
El Valley Centro den
ersten Teil einer Trilogie über
Kalifornien: seine Landschaft,
deren Weite wie Geschichte,
die Architektur der Städte,
und wie sich in all dem die sozialen Realitäten eines komplexen multikulturellen Zusammenlebens spiegeln.
Dieses Jahr nun läuft mit Los
der zweite, vielleicht sogar
noch schönere/ poetischere/ spannungsvollere Teil dieses
Opus magnum: Los betrachtet
das Gebiet Greater Los Angeles. Wie schon El Valley Centro
besteht auch Los aus einer
Folge von fixen Kadern: Blicke
auf Landschaften und Gebäude, mit Menschen davor oder
auch nicht, aufgenommen mit
Direktton, dessen Präsenz -
Inhalt wie Fülle - genauso Teil
an der präzisen, kinematographischen Komposition jeder
Szene hat wie die der Bilder.
Weil es mittlerweile etwas
Benning-untypisch ist, wäre
auch zu erwähnen, dass die
einzelnen Szenen von unterschiedlicher Länge sind. Das
heißt, Los folgt keinem strengen, mathematisch-strukturellen Prinzip, sondern einem
eigenen Rhythmus, der primär
durch das, was zu sehen wie
zu hören ist, bestimmt wird.
Diese Ansichten sind nicht
durch Titel definiert: Der Film
bildet seinen eigenen Fluss -
die Verortungen, die Fundstellen der Bilder finden sich
im Abspann, in einigen Fällen
samt "Hintergrundinformationen" (zu einer sich formierenden Polizeistaffel erfährt
man etwa, dass diese Szene
wohl im Umfeld eines Parteitags der Demokraten aufgenommen wurde...). Was den
eindringlichen Szenen noch
einmal eine weitere Bedeutung verleiht, die über ihre
primäre Bedeutung innerhalb
des filmischen Flusses hinausgeht. Man kann in allen
Fällen begründen, warum nun
diese Szene auf jene Szene
folgt, wenn man sich auf einen
einzelnen Aspekt der Szene -
meistens die visuelle Konstruktion, die Texturen, die
Farben - konzentriert.
Doch das ist nur das, was
den Film simpel vorantreibt,
der Reiz, wenn man so will:
Ein Motiv wird aufgenommen - etwa eine Bildkomposition, in deren Zentrum ein V
steht -, im nächsten Bild modifiziert weitergeführt - das V
verengt sich -, im folgenden
Bild dann aber ist die Differenz in den Texturen das verbindende Moment. Was den
einzelnen Szenen jedoch
nichts von ihrer individuellen
Fülle nimmt.
Schön ist, wie Bennings Zugriff auf die Welt allem eine
Sinnhaftigkeit verleiht. Die
weiterführenden Verflechtungen sind um einiges komplexer. Da gibt es Szenenfolgen, die "Geschichten erzählen", soziale Zusammenhänge
zur Diskussion stellen. Während andere - über den Fluss
hinweg, wenn man das Gewebe von Los nun als Mosaik betrachtet - einen eigenständigen Diskurs führen: über Ethnien, das Wesen der Arbeit,
des Handels, die für L.A. so
wesentliche Präsenz wie Kontrolle des Wassers ...
Einzelne Szenen wirken in
sich oft wie poetische Fermaten, die mitunter ironisch anmuten - das echt amerikanische Pastorale mit Ölpumpe,
das von Yo-Bad-Azz-Gerappe
überweht wird -, dann wieder
episch - die LAX-Landebahn
und der riesige Schatten des
Flugzeugs, das über einen
hinweg donnert - oder einfach
kontemplativ.
So wie Los ganz schlicht
wirkt und doch zu den gewaltigsten Erfahrungen dieses
Filmjahres zählt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)
Von
Olaf Möller
Stadkino,
26. 10., 20.30;
Metro,
27. 10., 11.00