Hans Weingartners "Das weiße Rauschen"
Schon im Zug Richtung Köln
ist Lukas merkbar aufgekratzt.
Er hat beschlossen, zu seiner
Schwester in die WG zu ziehen. Anfangs läuft alles nach
Plan, ein Studentenleben, ein
wenig orientierungslos noch,
dafür jedoch reich an Partys,
Drogen und netten Menschen.
Dann beginnt Lukas' Verhalten auffällig zu werden. An
der Kinokasse weigert er sich
hinzunehmen, dass er den falschen Tag gewählt hat, bei
einem Ausflug hört er Stimmen im Kopf, die sich scheinbar gegen ihn verschworen
haben. In einem ersten Schritt
versucht er diese - ohne Erfolg - wissenschaftlich zu ergründen, bald hält er sie für
real und schließt sich von seiner Umwelt immer mehr ab.
Das weiße Rauschen, der
mit dem Max Ophüls-Preis
prämierte Debütfilm des Österreichers Hans Weingartner,
erzählt von einem Jugendlichen, der an Schizophrenie
leidet. Er wurde zur Gänze mit
kleinen DV-Kameras gedreht,
zumeist mitten in der Öffentlichkeit, was ihm den improvisierten Tonfall eines Dogma-Films verleiht. Weingartner
wendet sich dabei hauptsächlich der Wahrnehmungsweise
seines Protagonisten zu, versucht einerseits dessen
Wahnvorstellungen zu simulieren, aber auch affektive
Ausbrüche in ihrer Plötzlichkeit wie Körperlichkeit erfahrbar zu machen.
Manche Szene von Das weiße Rauschen schlägt zwar
noch übers Ziel, ist zu ausgesucht symbolisch, bisweilen
wirken die - beachtlich agierenden - jungen Schauspieler
ein wenig überfordert; insgesamt ist der Naturalismus dem
Sujet jedoch durchaus förderlich: Das innere Drama von
Lukas, seine Weigerung, die
Symptome anzuerkennen,
seine zunehmende Isolation
werden stets mit den Auswirkungen in einem konkreten
Lebenszusammenhang konfrontiert.
Weingartner widersteht der
Versuchung, daraus einen
Themenfilm zu machen, er inszeniert keinen einseitigen
Leidensprozess, sondern die
Geschichte eines jugendlichen "Außenseiters", der mit
besonders schwer wiegenden
Tatsachen erst einmal zu leben lernen muss.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)
Von
Dominik
Kamalzadeh
Künstlerhaus Kino,
28. 10., 21.00
Metro,
29. 10., 11.00