Zwischen Wahn und Wirklichkeit

29. Oktober 2001, 22:01

Hans Weingartners "Das weiße Rauschen"

Schon im Zug Richtung Köln ist Lukas merkbar aufgekratzt. Er hat beschlossen, zu seiner Schwester in die WG zu ziehen. Anfangs läuft alles nach Plan, ein Studentenleben, ein wenig orientierungslos noch, dafür jedoch reich an Partys, Drogen und netten Menschen.

Dann beginnt Lukas' Verhalten auffällig zu werden. An der Kinokasse weigert er sich hinzunehmen, dass er den falschen Tag gewählt hat, bei einem Ausflug hört er Stimmen im Kopf, die sich scheinbar gegen ihn verschworen haben. In einem ersten Schritt versucht er diese - ohne Erfolg - wissenschaftlich zu ergründen, bald hält er sie für real und schließt sich von seiner Umwelt immer mehr ab.

Das weiße Rauschen, der mit dem Max Ophüls-Preis prämierte Debütfilm des Österreichers Hans Weingartner, erzählt von einem Jugendlichen, der an Schizophrenie leidet. Er wurde zur Gänze mit kleinen DV-Kameras gedreht, zumeist mitten in der Öffentlichkeit, was ihm den improvisierten Tonfall eines Dogma-Films verleiht. Weingartner wendet sich dabei hauptsächlich der Wahrnehmungsweise seines Protagonisten zu, versucht einerseits dessen Wahnvorstellungen zu simulieren, aber auch affektive Ausbrüche in ihrer Plötzlichkeit wie Körperlichkeit erfahrbar zu machen.

Manche Szene von Das weiße Rauschen schlägt zwar noch übers Ziel, ist zu ausgesucht symbolisch, bisweilen wirken die - beachtlich agierenden - jungen Schauspieler ein wenig überfordert; insgesamt ist der Naturalismus dem Sujet jedoch durchaus förderlich: Das innere Drama von Lukas, seine Weigerung, die Symptome anzuerkennen, seine zunehmende Isolation werden stets mit den Auswirkungen in einem konkreten Lebenszusammenhang konfrontiert.

Weingartner widersteht der Versuchung, daraus einen Themenfilm zu machen, er inszeniert keinen einseitigen Leidensprozess, sondern die Geschichte eines jugendlichen "Außenseiters", der mit besonders schwer wiegenden Tatsachen erst einmal zu leben lernen muss.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)

 Von
 Dominik
 Kamalzadeh


Künstlerhaus Kino,
28. 10., 21.00

Metro,
29. 10., 11.00
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