Thai-Post-Pulp und jenseits

24. Oktober 2001, 18:51

"Fah talai jone", ein Bastard aus Bollywood, Hongkong und Cinecitta-in-Alicante

Das westliche Kinopublikum entdeckt das thailändische Kino und findet mit Wisit Sasanatiengs "Fah talai jone" mehr als einen hippen kitschigen Genre-Pastiche.


So zockeln wir weiter durch Asien auf der Suche nach hippen Filmkulturen: Da war zuerst Japan, man muss es klar sagen: die einzige 150-prozentige Kinematographie der Region. Dann China in seinen diversen nationalen Emanationen. Dann Korea. Nun ist man bei Thailand angelangt.

Ohne, dass es dafür einen ernsthaften Grund gäbe. Nicht, dass in Thailand in den letzten Jahren nicht einiges an interessanten Filmen entstanden wäre - zwei, drei herausragende Werke bringt das Land eigentlich alljährlich hervor. Nur - jetzt sind die eben auch noch super angesagt, hipp eben. Und keines dieser Werke ist hipper als Fah talai jone/ Tears of the Black Tiger, der Thai-Kassendesaster-Kritikerliebling, das Spielfilmdebüt des Drehbuchautors und Werbefilmers Wisit Sasanatieng.

Der durchschnittliche westliche Zuschauer kommt da aus dem Staunen nicht mehr raus: 112 Minuten Farben, Formen, Gesten: Dieser Bastard aus Bollywood, Hongkong, Cinecitta-in-Alicante und thai-eigensten ästhetischen Erwägungen mit seiner abstrus-schicksalssatten Melo-We(a)stern-Handlung (sic!) knallt wie schon lang nix mehr im Kino. So was traut sich hier einfach keiner, und dass sich das Ganze zwischendurch auch mal ein bisschen zieht, macht gar nichts.

Womit man den Film eigentlich missbraucht: Man stopft die Defizite der eigenen Kultur mit Arbeiten exotischer, ergo willentlich fein missverstehbarer anderer: die Dynamik des hiesigen Asien-Kultfilmwesens ...

Dabei ist Fah talai jone (Der Titel übersetzt sich grob als "Der Himmel erschlägt den Dieb") mehr als ein kitschiger Genre-Pastiche: Er ist eine Hommage an die Geschichte des Thai-Kinos - als hätte man die Musical-Nummern aus Tsai Ming-Liangs Dong/ The Hole (1999) zu einem eigenen Film gemacht, der nun als V-Effekt für eine ganze Kinematographie funktioniert.

Melo-Hommage

Wisit Sasanatieng verweist auf die Filme des Regisseurs Rattana Pestonji als Vorbild für sein eigenes Werk. Pestonji ist eine Art Kompositum aus Douglas Sirk und Seijun Suzuki. Seine herb stilisierten Melodramen aus den 50-ern funktionieren als ironische Variationen über Klassiker aus den 30-ern.

Die von Theater und Rezitationsformen wie Likay stammende Stasis klassischen Thai-Kinos wie dessen Studiogebundenheit - mit Außendrehs experimentierte man erst etwas systematischer ab den späten 60-ern - kommentiert Sasanatieng, indem er extrem künstliche Szenen plötzlich in detailheftige Montagesequenzen aufbrechen lässt. Um dann wieder abrupt in ihre Ausgangsstasis zurückzukehren.

Die innigliche Liebe des Thai-Kinos zu seiner Plakatkultur - wahrscheinlich ist Thailand die einzige Kinematographie, in der ein Plakatmaler (mit dem schönen Künstlernamen Piat Poster!) zum Regiestar werden konnte - findet ihre Apotheose in der graphischen Gestaltung des Films, in den gleichsam wie mit Pinsel aufgetragenen, sich scheinbar im Zustand fortgeschrittener Zersetzung befindlichen Farben: Fäulnis als filmische Nostalgie und der zu Tode apostrophierte Tod des Kinos als dessen Auferstehung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)

 Von
  Olaf Möller


Künstlerhaus Kino,
26. 10., 13.00

Gartenbau,
29. 10., 23.00
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