"Fah talai jone", ein Bastard aus Bollywood, Hongkong und Cinecitta-in-Alicante
Das westliche
Kinopublikum entdeckt
das thailändische Kino
und findet mit Wisit
Sasanatiengs "Fah talai
jone" mehr als einen
hippen kitschigen
Genre-Pastiche.
So zockeln wir weiter durch
Asien auf der Suche nach hippen Filmkulturen: Da war zuerst Japan, man muss es klar
sagen: die einzige 150-prozentige Kinematographie der Region. Dann China in seinen
diversen nationalen Emanationen. Dann Korea. Nun ist
man bei Thailand angelangt.
Ohne, dass es dafür einen
ernsthaften Grund gäbe.
Nicht, dass in Thailand in den
letzten Jahren nicht einiges an
interessanten Filmen entstanden wäre - zwei, drei herausragende Werke bringt das
Land eigentlich alljährlich
hervor. Nur - jetzt sind die
eben auch noch super angesagt, hipp eben. Und keines
dieser Werke ist hipper als Fah
talai jone/ Tears of the Black
Tiger, der Thai-Kassendesaster-Kritikerliebling, das Spielfilmdebüt des Drehbuchautors und Werbefilmers Wisit Sasanatieng.
Der durchschnittliche
westliche Zuschauer kommt
da aus dem Staunen nicht
mehr raus: 112 Minuten Farben, Formen, Gesten: Dieser
Bastard aus Bollywood, Hongkong, Cinecitta-in-Alicante
und thai-eigensten ästhetischen Erwägungen mit seiner
abstrus-schicksalssatten Melo-We(a)stern-Handlung (sic!)
knallt wie schon lang nix mehr
im Kino. So was traut sich hier
einfach keiner, und dass sich
das Ganze zwischendurch
auch mal ein bisschen zieht,
macht gar nichts.
Womit man den Film
eigentlich missbraucht: Man
stopft die Defizite der eigenen
Kultur mit Arbeiten exotischer, ergo willentlich fein
missverstehbarer anderer: die
Dynamik des hiesigen Asien-Kultfilmwesens ...
Dabei ist Fah talai jone (Der
Titel übersetzt sich grob als
"Der Himmel erschlägt den
Dieb") mehr als ein kitschiger
Genre-Pastiche: Er ist eine
Hommage an die Geschichte
des Thai-Kinos - als hätte man
die Musical-Nummern aus
Tsai Ming-Liangs Dong/ The
Hole (1999) zu einem eigenen
Film gemacht, der nun als V-Effekt für eine ganze Kinematographie funktioniert.
Melo-Hommage
Wisit Sasanatieng verweist
auf die Filme des Regisseurs
Rattana Pestonji als Vorbild
für sein eigenes Werk. Pestonji
ist eine Art Kompositum aus
Douglas Sirk und Seijun Suzuki. Seine herb stilisierten
Melodramen aus den 50-ern
funktionieren als ironische
Variationen über Klassiker
aus den 30-ern.
Die von Theater und Rezitationsformen wie Likay stammende Stasis klassischen
Thai-Kinos wie dessen Studiogebundenheit - mit
Außendrehs experimentierte
man erst etwas systematischer
ab den späten 60-ern - kommentiert Sasanatieng, indem
er extrem künstliche Szenen
plötzlich in detailheftige Montagesequenzen aufbrechen
lässt. Um dann wieder abrupt
in ihre Ausgangsstasis zurückzukehren.
Die innigliche Liebe des
Thai-Kinos zu seiner Plakatkultur - wahrscheinlich ist
Thailand die einzige Kinematographie, in der ein Plakatmaler (mit dem schönen
Künstlernamen Piat Poster!)
zum Regiestar werden konnte - findet ihre Apotheose in
der graphischen Gestaltung
des Films, in den gleichsam
wie mit Pinsel aufgetragenen,
sich scheinbar im Zustand
fortgeschrittener Zersetzung
befindlichen Farben: Fäulnis
als filmische Nostalgie und
der zu Tode apostrophierte
Tod des Kinos als dessen Auferstehung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2001)
Von
Olaf Möller
Künstlerhaus Kino,
26. 10.,
13.00
Gartenbau,
29. 10., 23.00