Liebe im China von heute: Li Yus "Jin Nian Xia Tian" und Emily Tangs "Dong Ci Bian Wei", zwei Debüts.
Die erste Begegnung der beiden Frauen verläuft derart alltäglich, dass man die zwei zu diesem Zeitpunkt kaum als Hauptdarstellerinnen wahrnimmt: Xiao Qun arbeitet als Elefantenpflegerin im Tiergarten, Xiao Ling als Verkäuferin in einem Kleidergeschäft. Noch haben sie nichts gemeinsam, bald teilen sie ihre Liebe zueinander.
Jin nian xia tian/Fish and Elephant heißt der erste, ausschließlich mit Laien gedrehte Spielfilm von Li Yu, der gleichzeitig als erster chinesischer Film die Liebe zwischen zwei Frauen thematisiert. Die Regisseurin nähert sich dabei ihrem Thema in beinahe dokumentarischem Stil: In ruhigen Kadrierungen vollzieht sich die vorsichtige Annäherung der Frauen, nimmt die Heimlichkeit der Beziehung parallel zum drängenden Wunsch der Mutter von Xiao Qun, ihre Tochter endlich zu verheiraten, immer stärkeren Raum ein.
Jin nian xia tian ist ein ruhiger Film, der sich in der Geschlossenheit seiner Bilder auch formal als Ausschnitt präsentiert: als Blick in eine Gesellschaft, in der vieles nicht gesehen wird, weil es nicht gesehen werden darf. Die Stimmen, die Geräusche, der Lärm von der Straße bilden hier eine Art Gegenwelt zu dieser Abgeschiedenheit, die - wie die Beziehung der Frauen - ihr eigenes Tempo hat. Was letztlich zählt, sei allein das Glücklich-Sein, erklärt Xiao Qun ihrer Mutter in einer einzigen minutenlangen Einstellung, und bei der Schilderung einer verlorenen Kindheit merkt man erst, wie lange eine Zigarettenlänge dauern kann.
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Das Glück einer harmonischen Beziehung suchen auch Guo Song und seine Freundin Xiao Qing, die beiden Protagonisten in Dong Ci Bian Wei/ Conjugation, dem Debüt der Chinesin Emily Tang. Doch im Winter nach der Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tiananmenplatz ist die politische Aufbruchstimmung der Ernüchterung gewichen, und auch im Privaten macht sich die repressive Lage des Landes bemerkbar, nicht nur, weil unverheirateten Paaren nach wie vor nicht gestattet ist zusammenzuziehen.
Das Trauma hat jeden auf sich selbst zurückgeworfen, Gespräche der alten Studentenrunde verebben zunehmend in Schweigen. Unter diesen Umständen erscheint die Einrichtung einer gemeinsamen Wohnung fast als Hohn der Situation oder aber als letzte Utopie - die freilich auch (noch) scheitern wird.
Tang findet für das ziellose Driften ihrer Figuren, ihrer Suche nach "Normalität" gerade in alltäglichen Momenten treffende Bilder. Ob die Mühsal, eine Matratze zu transportieren, ob ein Chanson in einem Pekinger Bistro, in dem Xiao heimlich arbeitet: Mit beiläufig gesetzten, poetischen Zwischentönen vermittelt sie gleichermaßen Sehnsucht wie Enttäuschung. Die Kamera bleibt meist auf kleine Einstellungsgrößen ausgerichtet, sucht gewissermaßen im Detail das Echo einer nicht darstellbaren Totalität.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2001)
Von
Michael
Pekler
und
Dominik
Kamalzadeh
Jin nian xia tian:
Stadtkino
24. 10., 23.00
25. 10., 20.30
Dong Ci Bian Wei:
Künstlerhaus Kino,
23. 10., 16.00