Das verflixte Namenssyndrom

23. Oktober 2001, 01:02

Alan Berliner stellt sich in "The Sweetest Sound" seinen zwölf Namensvettern

Namen bedeuten uns offensichtlich etwas - zumindest liest man gern allerhand in sie hinein, fühlt sich ihnen instinktiv verbunden, so abstrus, irrational und letztendlich eitel das auch ist.

In seinem neuen Film, The Sweetest Sound, beschäftigt sich Alan Berliner mit diesem Problem/ Phänomen/ Phantasma des eigenen Namens in der Welt. Er hat auch allen Grund dazu, schließlich haben ihm in den letzten Jahren ständig Leute - Wildfremde wie Freunde - zum Erfolg des Films Ma vie en rose (1997) gratuliert, der von einem Wallonen namens Alain Berliner realisiert wurde.

Berliner spielte zuerst generell mit Ideen zum Komplex Namen herum: So filmte er auf der Jahresversammlung der Jim-Smith-Gesellschaft, der Linda-Vereinigung etc., stellte Untersuchungen zur Problematik chinesischer Namen an (es gibt einen chinesischen Namen, der in der identischen Zeichenschreibung mehr als 50 Seiten im Telefonbuch von Beijing einnimmt!) - und verlor sich darin.

Persönlich genommen

Heraus kam er wieder, indem er das Problem ganz persönlich nahm und seinen eigenen Namen zum Zentrum des Films machte. Was seine Überhöhung in folgender Idee fand: Alan Berliner, Filmessayist und Medienkünstler, international berühmt geworden durch drei Filme über seine Familie (u. a. Nobody's Business), lud alle Alan Berliners dieser Erde - auch die mit leicht abweichender Schreibweise im Vornamen - zu sich zum Abendessen ein.

Foto: Viennale

Und sie kamen alle, soweit Berliner sie finden konnte: dreizehn, ihn selbst eingeschlossen. Die für Berliner bedrückendste - aber wohl auch schon erahnte - Erkenntnis dieses Abends war, dass er mit diesen Menschen außer dem Namen allerdings absolut nichts gemein hat. Womit man auch schon beim zentralen Problem des Films wäre: Berliners Beziehung zu seinem Großvater (Intimate Stranger) oder seinem Vater (Nobody's Business) war etwas, wozu man auch als Zuseher ein Verhältnis entwickeln konnte: Es ging um Menschen - aber ein Name?

Berliners angenehm flexible Art des Erzählens greift denn auch nicht so recht: Irgendwo hängt der Film zwischen einer Kultivierung von Eigenarten und einem Nachdenken über Allgemeineres. So landet der ohnehin nur eine Stunde lange The Sweetest Sound schon nach der Hälfte an einem toten Punkt, wo er für den durchaus amüsanten, aber kein bisschen bewegenden Rest seiner Laufzeit verharrt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2001)

 Von
  Olaf Möller


Metro,
26. 10., 23.30
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