Schöne neue Arbeit

24. Oktober 2001 02:56

Stan Neumann zu Besuch bei rumänischen und moldawischen "Apparatchiks et Businessmen"

Der Dokumentarfilmer Stan Neumann reist in "Apparatchiks et Businessmen" nach Moldawien und Rumänien, um die alten Machthaber bei ihren neuen Aufgaben im Wandel der Zeiten zu beobachten.


"Ein kapitalistisches Unternehmen wäre seit langem pleite, wenn es so wirtschaften wollte wie wir." Zumindest in dieser Hinsicht konnte sich der ursprüngliche Schlosser und spätere Staats- und Parteiführer der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow, durch eine klare Sicht auf die Dinge auszeichnen. Mehrere Jahrzehnte später interessiert sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR niemand mehr für die Weisheiten Chruschtschows, doch die heutigen Neokapitalisten in den so genannten Nachfolgestaaten dürften sich seine Worte zu Herzen genommen haben.

Wenn also Stan Neumann in Apparatchiks et Businessmen nach Moldawien fährt, um die industriellen Hinterlassenschaften der Sowjetunion in Augenschein zu nehmen, dann begegnet ihm in der meterhohen Halle einer ehemaligen Fabrik zur Herstellung elektrotechnischer Geräte zwar noch ein Bild von Lenin. Die neuen Eigentümer haben sich jedoch bereits einer anderen Anweisung von oben unterworfen: möglichst billig zu produzieren.

In den Kartons stapeln sich die Teile jener Computer, die nie zusammengebaut wurden, doch heute stellt man hier ohnehin Autopumpen, Besen und billiges Plastik her. Und stolz präsentiert der neue Vizepräsident die Wäscheklammern, die aus den Relikten vergangener Tagen gefertigt werden. Kein Wunder also, dass Neumann hier der Nostalgie begegnet: Denn während so mancher Apparatschik im Schnellverfahren zum Businessman geworden ist, haben sich die Arbeitsbedingungen für die Bevölkerung kaum verbessert - und ragen aufgelassene Fabriken, Schrottplätze und leere Baustellen als stumme Zeugen der Vergangenheit in den Himmel. Das Land selbst steckt dabei unter einer riesigen Nebeldecke, hinter der die Sonne nur als heller Fleck im weißen Dunst zu erspähen ist, in dem die fensterlosen Öffnungen der Betonruinen Grabschächten gleichen.

Schauplatzwechsel: Rumänien. Ein Werbefilm für Kühlschränke aus den Siebzigern. Der Direktor der Fabrik erklärt das "einfach zu gebrauchende Haushaltsgerät", das aber nichts wert wäre ohne die "andauernde Unterstützung durch unsere Partei und unseren Staat". Ein Schwenk der Kamera nach oben gibt ihm Recht - in strenger Milde lächelt Ceaucescu vom Foto. Schnitt. Der Direktor sitzt noch immer an seinem Platz, nur fünfundzwanzig Jahre später, mit einer getäfelten Bürowand und mehr als fünfzig Prozent ausländischem Kapital im Rücken.

Produziert von der französischen Produktionsfirma Les Films D'Ici, die die Viennale bereits vor zwei Jahren mit einem eigenen Tribute bedachte, ist Neumanns Film - ähnlich etwa Hervé Le Roux' aus dem selben Hause stammenden Arbeiten Reprise oder Sortis d'Usines - eine aufklärerische Bestandsaufnahme zum Thema "Arbeitsverhältnisse in modernen Zeiten".

Neumann macht diesen Wandel in den ehemaligen Ostblockländern mit Blick in die Führungsetagen der neuen Firmen und Banken sichtbar, ohne selbst viel erklären zu müssen. Er lässt die Worte der neuen Kapitalisten gleichsam für sich selbst sprechen und entlarvt sie gerade dadurch ihrer hohlen Rhetorik. "Verstehen Sie?", fragt der Präsident des Aufsichtsrats der ersten privaten Bank Rumäniens und frühere hohe Funktionär unter Ceaucescu immer wieder in die Kamera. Wir verstehen. Denn schließlich will hier niemand mehr so wirtschaften wie Nikita Chruschtschow.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2001)

 Von
  Michael Pekler


Stadtkino,
23. 10., 23.00
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