Allein gegen die Wüste

23. Oktober 2001 03:24

... war Frank Cole in "Life Without Death"

Der Kanadier Frank Cole durchquerte zu Fuß die Sahara und filmte sich dabei. Das Ergebnis ist ein Film, der seinesgleichen sucht. "Life Without Death" zeigt den Versuch, sich der Angst vor dem Tod zu stellen.


Männer sterben in der Wüste. Gedanken dieser Art müssen den Kanadier Frank Cole auf die Idee gebracht haben, zu einer denkwürdigen Reise aufzubrechen, deren Anliegen in nichts weniger bestand als darin, dem Tod die Stirn zu bieten, ihn gar zu besiegen. Der eigentliche Grund dafür war der Schmerz über den Verlust seines Großvaters: Zu Beginn sieht man ihn auf einem Sessel sitzend weinen, einen drahtigen Mann, dessen Brustkorb bebt.

Cole beschloss, die Sahara zu durchqueren - allein, nur in Begleitung eines Dromedars, vom Westen, der mauretanischen Küste, bis zum Osten, dem Roten Meer, was rund 7100 km entspricht. Sein Film Life Without Death ist das Protokoll dieser Anstrengung.

Inspiriert von Geoffrey Moorehouses Buch The Fearful Void, das einen ähnlichen Versuch der Wüstendurchquerung beschreibt, beginnt er zu trainieren, arabisch zu lernen, Navigationsmittel zu studieren. In wenigen, hart geschnittenen Schwarzweiß-Szenen zeigt Cole die Vorbereitung, die in Wirklichkeit Jahre gedauert hat, und unwillkürlich denkt man an filmische Vorbilder, an Travis Bickle in Taxi Driver, der seinen Körper für ein anderes Ziel fit machte.

Doch jeder Vergleich scheint hier irreführend, denn Coles Projekt ist singulär, er meint es deadly serious. Davon zeugt sein Kommentar, der sachlich bleibt, nur von Fakten und seiner obsessiven Haltung zum Tod erzählt: "I think that because we don't face death, we can't face life itself."

Gestalteter Höllentrip

Das Thema des Todes ist im Kino seit jeher präsent, als Grenze aller Laufbilder, die das Leben festhalten. Vielleicht erklärt dieser Umstand die Entscheidung, sich selbst auf diesem Trip zu filmen. Man muss Cole über Dünen wandern gesehen haben, bis er nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne ist, und sich dazu vorstellen, dass er den Weg wieder zurück muss, um die Kamera aufzuklauben. Life Without Death ist daher mehr als "bloß" dokumentarisch, bei aller Authentizität ist es auch die Inszenierung eines Grenzgangs und zeugt von Gestaltungswillen angesichts der höchsten Gefahr.

Mehrmals verläuft sich Cole, was allein tödlich enden kann, selten nimmt er sich Führer, die ihn alle wieder verlassen, und neben der Hitze und dem Durst bedrohen ihn Räuber und andere Gesetzlose. Vieles wird nur berichtet, aber der Körper Coles, seine Verbrennungen, Blasen und Schürfwunden sind Zeugnisse genug.

Die Wüste, im abendländischen Denken so oft ein Ort sehnsüchtiger Projektionen, erscheint in Life Without Death bar jeder Romantik. Tierkadaver, verdorrtes Gestrüpp und Oasen, die kaum Schatten bieten, sind die Zeichen einer lebensfeindlichen Natur, die man als mentalen Raum auffassen könnte, als Bild für die Vorstellungswelt dieses Mannes, das sich dem Verständnis im Grunde entzieht.

Am Ende kommt er an, richtet den Blick zum Meer und sagt ein Wort: "Alive". Die Todesangst konnte er indes nicht bezwingen. Letztes Jahr kehrte Cole in die Wüste zurück, wurde dabei von Banditen überfallen und getötet.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2001)

 Von
 Dominik
 Kamalzadeh


Stadtkino,

27. 10., 20.30;

28. 10., 23.00
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