Erst Comic, nun eine brillante wie charmante Jugend-Story: Terry Zwigoffs "Ghost
World"
Terry Zwigoff hat aus Daniel Clowes' Comic "Ghost World" einen großartigen und intelligenten Film über
Jugendliche gemacht - in entspanntem, erwachsenem Tonfall.
Enid und Rebecca haben ihren Highschool-Abschluss geschafft: Der Sommer der Entscheidungen ist
gekommen - was die beiden fröhlich ignorieren: Sie lungern herum, spintisieren vor sich hin, tempus
fugit. Wie immer.
Eines Tages, als Nachspiel eines ihrer Streiche, lernen sie Seymour kennen: einen sich scheinbar
ebenfalls durch den Tag stehlenden Sammler von Schellack-Platten. Enid verbringt immer mehr Zeit mit
ihm, während Rebecca einen Ferienjob annimmt. Ihre Wege scheinen sich langsam zu trennen ...

Rebecca und Enid
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Ursprünglich war Ghost World eine von 1993 bis 1997 unregelmäßig erscheinende Serie in
Eightball, Indie-Comic-Ikone Daniel Clowes' halbjährlichem Magazin.
Die einzelnen Episoden haben, bis auf die Protagonistinnen sowie die eine oder andere
herumstromernde Nebenfigur, keinen tieferen Zusammenhalt - erst die letzten beiden Geschichten
versuchen dem Ganzen eine gewisse Kohärenz, Rundheit zu verleihen. Regisseur Terry Zwigoff und
Clowes hatten bei ihrer Adaption also allerhand zu tun - und was dabei herauskam, ist schlichtweg
brillant:
Was dem Comic fehlt, und was er auf Grund seiner ursprünglichen Konzeption auch nicht braucht, ist
erst einmal ein zeitlicher, vor allem aber ein gewisser emotinaler Rahmen: Enid und Rebecca müssen
mit der Welt interagieren. Sie brauchen eine Bezugsperson, einen Widerpart, woraus der Film dann
seine Probleme, seinen Zug, seine Dichte entwickelt. Dieser Charakter ist Seymour: eine Figur, die in
der Vorlage nur einmal, namenlos, in Episode 5 auftaucht.
Zu Beginn wirkt der Film, als wollte er sich wie seine Vorlage in wohlgemuter Tagedieberei ergehen.
Etwa ab der Mitte entwickelt er dann aber eine völlig eigene Dynamik: Enid und Rebecca werden von
der Welt in die Verantwortung genommen, sie müssen erwachsen werden. Was Rebecca durch
schlichte Anpassung gelingt und Enid durch instinktive Verweigerung nicht - weshalb sich die
Geschichte auch immer mehr auf Enid konzentriert.
Alles zu seiner Zeit
Zwigoff (Crumb) findet in seinem Spielfilmdebüt ein perfektes Äquivalent zu Clowes'
unprätentiösem Realismus: abgeklärte Bilder mit kräftigen, kontrastreichen Farben (Jim McBrides
Stammkameramann Affonso Beato in Höchstform), in denen genug Raum ist, damit alles passieren kann
- zu seiner Zeit.
Zwigoff hat einen verstockt-jazzigen Sinn für Timing, das immer ein bisschen daneben, in sich aber so
konsistent ist, dass daraus ein eigener Rhythmus, ein Fluss des Zauderns wie Abwägens wird.
Das schlussendlich Schönste an Ghost World ist aber, dass hier endlich einmal eine intelligente
Geschichte über Jugendliche - zudem junge Frauen - erzählt wird, in einem entspannt-erwachsenen
Tonfall: ein Kino der aufgeklärten Erinnerung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10.
2001)
Von
Olaf Möller
Künstlerhaus Kino,
24. 10., 23.30