Sexy, böse, edel, brachial verführerisch: "Hedwig and the Angry Inch"
Sexy, böse, edel, super und noch mehr: Das Filmmusical "Hedwig and the Angry Inch" erspielt sich gegenwärtig international
Kultstatus. Die Geschichte vom Hänsel aus Berlin, der im Gretel-Look Underground-Star wird, ist brachial verführerisch: eine
Meisterleistung des jungen US-Akteurs, Autors und Regisseurs John Cameron Mitchell!
Legen wir doch einmal die zerschrammte Vinylausgabe von David Bowies Ziggy Stardust auf den Plattenteller. Erinnern wir
uns, wie das klingt und was dann folgte: Popstars wie Bowie, Lou Reed, Roxy Music - die im geteilten Berlin und anderswo
androgynen Selbstinszenierungen frönten und in romantischen Übersteuerungen (ja, das gibt's) zusammenfügten, was
eigentlich nicht zusammen geht: den Müll und den Glanz, den Mainstream und den Underground, die freie Marktwirtschaft und
die fröhliche Umverteilung. Lou Reed, 1972: "In Berlin / by the wall / it was very nice / oh baby / it was paradise ..."
Nehmen wir nun diese Tage der letzten Bohemiens, vermengen wir sie mit der - ebenfalls ebendort inspirierten - Rocky Horror
Show und den gegenwärtigen Eskapismen von Marilyn Manson. Und dann: Zerstören wir unser Kurzzeitgedächtnis mit ein
paar heulenden Riffs aus Bowies Suffragette City!
Jetzt entsteht möglicherweise folgende Geschichte: Es begab sich, dass in den Zeiten vor dem großen Mauerfall ein Knabe
namens Hänsel heranwuchs, der in Schwulenkneipen früh durch höchst exzentrisches Outfit bestach. Unter dem Pseudonym
"Hedwig" und mit entsprechend blondem Auftreten suchte er den großen Erfolg. Wild wallte sein Kunsthaar, betörend war sein
Gesang, erschreckend vulgär sein Outfit, doch verwundbar die Seele, die sich dahinter verbarg.
Aber davon profitierten nur diejenigen, die ihn unverschämt imitierten. Und so kam es schließlich zur großen Hassliebe
zwischen dem fiesen Möchtegern Tommy Gnosis und Hedwig: Sie konnten zueinander nicht kommen, weil nur einer Erster
sein darf.
* * *
Hedwig and the Angry Inch, ein Musical, das zuerst durch kleine US-Rockclubs tingelte und schließlich ein beachtlicher
Off-Broadway-Hit wurde, erzählt genau diese Geschichte. Geschrieben, gespielt und inszeniert vom Jahrhunderttalent John
Cameron Mitchell ist es nun auch in Filmform ein grandioser Anachronismus zur aktuellen Marktsituation geworden. Es geht
um Haltung hier, und nicht um Posen. Gepredigt wird Glaube und nicht Fanatismus, Vertrauen und nicht Hörigkeit. Und wenn
es den/die Helden/ Heldin immer wieder förmlich zerreißt zwischen glamourösem Traum und abgefuckter Realität, dann ist der
Film niemals sentimental.
Seine treibende Kraft ist ein gerechter Zorn. Sein Blick auf elende Supermärkte und Club-Hinterzimmer erschreckend
nüchtern. Und wenn die Musik auch ein wenig zu epigonal auf Bowie und Co. verweist, so wird sie doch nie mit
professionalistischer Attitüde (Musicalschulen als Stimmenzerstörer) vorgetragen, sondern mit einer Liebe zum Material, wie
sie mitunter bei Fans in Karaoke-Bars spürbar wird.
John Cameron Mitchell ist übrigens selbst als Sohn eines US-Stadtkommandanten in Berlin aufgewachsen. Und er weiß, was
es heißt, in seiner Freizeit mit Leuten zu verkehren, die "meinen Daddy wohl gerne mit faulen Eiern beworfen hätten". So eine
Ladung fauler Eier ist im übertragenen Sinn auch Hedwig and the Angry Inch: Es wäre äußerst verwunderlich, wenn dieser
Film nicht in ein paar Jahren auch hierzulande Kultstatus genießt. Schon jetzt möge er das werte Viennale-Publikum in
Trance versetzen!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2001)
Von
Claus Philipp
Künstlerhaus,
25. 10., 21.00
Gartenbau,
27. 10., 1.00