Raymond Depardon im STANDARD-Interview über Bergbauern und seinem "Profils paysans: l'approche"
Der große französische Dokumentarfilmemacher Raymond Depardon besucht in seinem als Trilogie konzipierten Film "Profils paysans: l'approche" Bergbauern aus der Lozère - und nimmt sich viel Zeit, deren karges Dasein mitzuverfolgen. Seine "Annäherung" erklärt er im Gespräch mit
Dominik Kamalzadeh.
STANDARD: Sie haben unlängst gesagt, dass Sie in Profils paysans vermeiden wollten, den Protagonisten direkt ins Auge zu
schauen. Albert Maysles hat einmal genau das Gegenteil behauptet: Der Blick ins Auge des Gegenübers sei wichtig, um
Intimität herzustellen.
Depardon: Das hat sich so ergeben. Ich hatte zehn Landwirte ausgewählt und konnte nun nicht der Freund von allen werden.
Ich glaube, es ist Teil der französischen Kultur, misstrauisch zu sein, und das ist genau das, was ich an den Amerikanern
falsch finde. Sie sind zu freundlich. Es ist eine falsche Freundlichkeit. Man muss sich vor einer bestimmten Demagogie hüten:
Der Blick allein hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun.
Es ist eigentlich schrecklich, das so zu sagen; aber heute gibt es viele Filme mit guten Absichten, insbesondere über arme
Regionen, über Minderheiten - und viele machen den Fehler, sich emotionell zu "identifizieren".
STANDARD: Den Aspekt der Demagogie thematisieren Sie ja auch implizit in Ihrem Film. "Approche" (Annäherung), der
Untertitel, fragt ja danach, wie man die Bauern darstellen soll.
Depardon: Ich hätte diesen Teil ja auch weglassen können ... Normalerweise tut man das nicht, die Herangehensweise zu
erklären, das direct cinema macht das ja nie. Ich habe aber keine Lust, erst mit den Personen zu schlafen, bevor ich sie
filme: Das direct cinema hat sich ja stets auf sehr starke Persönlichkeiten konzentriert, es muss erneuert werden, sonst
verkommt es zur Karikatur. Wenn ich nur auf extrovertierte Menschen wartete, dann würde ich all die scheuen und stillen
vernachlässigen.
STANDARD: Die Scheuheit wird deutlich: Man muss die erste Türschwelle überwinden, das Gespräch beginnt in der Küche.
Wie würden sie die Funktion der Küche definieren?
Depardon: Das ist der zentrale Raum, ein sehr ausdrucksstarker. Die Küche ist der Ort der Rede, sie ist wie ein Teil eines
Theaterstücks, es wird darin inszeniert. Für mich ist es auch der Ort, den ich zuerst betrete, noch ohne Kamera, wo ich
erkläre, wer ich bin. An dem zuerst ich beobachtet werde. Ich überlege mir dort immer: Will ich dort filmen?
Ich habe kürzlich in Paris auch Bilder ausgestellt, darunter ein Foto von meiner Mutter in einer Küche. Der Ort hat also auch
eine persönliche Bedeutung für mich, ich bin ja selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen und verbinde mit dem Raum sehr
viel.
STANDARD: Ist der Film der Versuch, dem Verschwinden dieser Bauern ein nostalgiefreies Bild entgegen zu setzen?
Depardon: In meinem Kopf waren zwei Gedanken: Zunächst geht es um das Finden, das Entdecken einer Bevölkerung, die
heute fast vergessen ist. Außerdem ist es eine Art Lobgesang: Ich möchte diese Leute noch filmen, weil ich sie für sehr
intelligent halte, sie haben eine große Fähigkeit, ihre Situation zu analysieren. Sie verkörpern das Essenzielle der
französischen oder auch europäischen Kultur.
Die dritte Überlegung ist, dass diese Menschen auf ihre Art sehr modern sind. Es heißt, dass wir in Frankreich die modernste
Landwirtschaft Europas haben. Ich meine, dass diese Bauern viel ökologischer denken, dass sie sich Gedanken gemacht
haben über den Naturschutz, über die Rationalität einer Lebensökonomie. Weil sie ins Hintertreffen geraten sind, haben sie
uns auf eine Weise überholt: Sie arbeiten im engen familiären Kreis, sodass ihre Kleinheit ihre Stärke darstellt. Es ist fast wie
in Afrika, einer anderen Welt, die vom Übel der Industrie noch frei ist.
Hinzu kommt: Diese Bauern sprechen nicht nur französisch, sondern auch eine zweite Sprache - das ist sehr selten. Ich
hoffe, dass diese Landwirte überleben. Es braucht ja nicht viel, in einigen Fällen würde es schon ausreichen, wenn die
Ehefrauen eine Arbeit finden.
STANDARD: Lange Vorbereitung, mehrere Teile, insistierende Einstellungen: Sie haben für dieses Filmprojekt den Luxus von
jeder Menge Zeit.
Depardon: Es gibt eine Stärke und eine Schwäche: Ich bin jetzt fast 60 Jahre alt und damit gezwungen, mit mir selbst ins
Reine zu kommen. Die Kindheit hat eine wichtige Rolle gespielt, es war an der Zeit, diesen Schritt zurück zu wagen.
Gleichzeitig wollte ich mich nicht von Sentimentalität verleiten lassen. Ich hoffe, ich bin diesen Mängeln entkommen: Ich
spiele ja mit schwierigen Themen, der Nostalgie, dem Pittoresken, der Notwendigkeit, einen Film zu drehen. Aber was heißt
das überhaupt: die Notwendigkeit einen Film zu drehen - laufe ich einem Phantom nach? Wenn man ein Bild schafft, dann ist
immer ein Teil Betrug, ein Teil Erlebnis, Zeugenbericht, ein Teil unbewusster Natur.
Aber ich habe Ihre Frage nicht beantwortet: Diese Menschen leben in einer anderen Zeit, sie halten sich etwa nur an die
Winterzeit. Wenn ich diesen Film moderner machen würde, dann würde ich sie nicht treffen. Die Landwirte sprechen besser
als junge Menschen in der Vorstadt und die Kargheit und Langsamkeit sind ja zugleich ein großes Glück.
Wann & wo: Stadtkino, 25. 10., 18.00
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2001)