Paula: Sie sind von guten Eltern

17. Oktober 2002, 14:44
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Die Band zwischen allen Stühlen

Wir sind von guten Eltern /
wir wissen, was sich ziemt /
uns wird die Sonne scheinen /
das haben wir verdient ...

Da fragt man sich doch: meinen die das etwa ernst? Kommt irgendwann überrascht zur Antwort: aber ja doch! Und ist dann nur noch einen Schritt entfernt von: na, warum denn eigentlich nicht?

Paula scheiden mit ihrem Konzept eines Pop für höhere Töchter die Geister (ohne jetzt einen Zweifel daran zu lassen, dass unserer mit ihnen ist), speziell wenn Sängerin Elke obige Zeilen mit einer Sangesstimme wie blondes Helium vorträgt. Aber das Gefühl, irgendwie zwischen den Stühlen zu sitzen, dürfte dem Duo Elke Brauweiler und Berend Intelmann ohnehin nicht ganz fremd sein.

Rückblende

2000: Ein Video der noch unbekannten Paula auf einem lokalen norddeutschen Kabelkanal gesehen und sofort am nächsten Tag ins WOM zum CD-Kauf marschiert. Dort dann die Überraschung: gefühlsmäßig eher dem "Independent"-Regal zugeordnet, finden sich Paula in der "Pop"-Abteilung. Das stand, nachträglich betrachtet, irgendwie symbolisch für den ganzen Wust an Anmutungen und Zuweisungen, unter denen Paula beinahe begraben wurden.

Eigentlich entstammen Paula ja der Berliner Wohnzimmerszene; Underground pur mithin. Musikalisch unterschieden sie sich freilich früh von dem dort hauptsächlich gepflegten elektronischen Minimalismus. Ihre Mischung aus Pop, Dancebeats, überdeutlichen Reminiszenzen an die allmächtige Neue Deutsche Welle und - ja - gelegentlichen Schlager-Einsprengseln schrie schon früh nach mehr Aufmerksamkeit - und die bekam sie auch bald. Die Single "Als es passierte" lief im deutschen Radio im Powerplay, das Album-Debüt "Himmelfahrt" (letztes Jahr bei uns Liebli ngsplatte der Redaktion) wurde Objekt eines bemerkenswerten Hypes. SPEX mahnte schon, dass über dem Paula-Hype Elkes zweite Band Commercial Breakup völlig ins Hintertreffen geraten sei ... ja, und dann kam alles ganz anders.

Das zweite Album "Liebe" wurde schon heuer auf den Markt geworfen: etwas ruhiger als sein Vorläufer, aber genauso gut (hätte durchaus wieder Lieblingsplatte werden können) - bloß die mediale Aufmerksamkeit war diesmal nicht annähernd so groß. Die lag inzwischen ironischerweise bei Commercial Breakup, ihrem unerwarteten nachträglichen Hit "Bizarre Love Triangle", der Coverversion durch ... huch ... New Order usw. So schnell wechselt im Pop das Glück die Seiten.

Gegenwart

Zeit, einmal in Ruhe durchzuatmen - und festzustellen, dass Paula auf ihre Art eigentlich ziemlich großartig sind, wenn man die Ansprüche, die andere an sie gestellt haben, vergisst und sie wieder in den richtigen Kontext stellt. Und der lautet eben Quarks und Contriva, und nicht No Angels.

Noch was zur vermeintlichen textlichen Blauäugigkeit und "Belanglosigkeit", die ihnen Kritiker mitunter vorwarfen: es ist schon faszinierend, wie Menschen, die eine wohl abgesicherte Existenz führen und tendenziell undramatische Beziehungsdramen leben, über eine Band herfallen, die Menschen besingt, welche eine wohl abgesicherte Existenz führen und tendenziell undramatische Beziehungsdramen leben. Angst vor dem Gesicht im Spiegel? - Leute, ihr seid nicht street, ihr seid keine Revolutionäre. Ihr seid Paula.

Liebster, du gehst mir ja nur manchmal auf die Nerven /
glaub mir, ansonsten hab ich dir nichts vorzuwerfen ...

(Josefson/d_an - 22.10.2001)

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Paula daheim

"Himmelfahrt" war Lieblingsplatte der Redaktion
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