Fotoarchiv aus der NS-Zeit entdeckt

7. November 2001, 19:13
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Abbildungen von 5600 requirierten Objekten

Von Thomas Trenkler

Wien - Einen sensationellen Fund kann die Abteilung Provenienzforschung des Bundesdenkmalamts (Anita Gallian-Stelzl, Robert Holzbauer, Ulrike Niemeth und Anneliese Schallmeiner) verbuchen: Sie stieß auf ein Fotoarchiv aus der NS-Zeit mit Aufnahmen von rund 5600 einst konfiszierten Kunstwerken.

Die Inventarlisten geben Aufschluss über die "Einbringer" (Bondy, Lederer, Stiasny etc.), die Künstler und die Objekte selbst. Die Fotos dürften bei der Verteilung der Kunstwerke an die diversen Museen eine zentrale Rolle gespielt haben. Sie dienten zudem Hans Posse, der von Hitler 1939 mit dem Aufbau des Führermuseums in Linz beauftragt worden war, bei der Sondierung der besten Stücke.

Das Gros der Kunstwerke wurde zwar nach dem Weltkrieg restituiert. Dennoch gibt es noch immer unzählige Fälle, in denen keine Rückgaben erfolgten. Dieses Fotoarchiv kann nun helfen, die rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen. Die von Ernst Bacher mit viel Engagement geleitete Abteilung Provenienzforschung arbeitet derzeit an einem Konzept, wie das Archiv veröffentlicht werden kann. Man überlegt, die Fotos ins Internet zu stellen oder eine CD- ROM herauszubringen. Allerdings benötigt dies noch Zeit: Es müssen alle jene Objekte aussortiert werden, die bereits zurückgegeben wurden.

Leider wird vielfach als "Einbringer" die Gestapo oder die Vugesta, die Verwertungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo, angeführt. Aufgrund von Rückstellungsansuchen und der Bildtitel lassen sich aber mitunter die Besitzer den einst requirierten Kunstwerken zuordnen.

Laut Inventar wurden zum Beispiel 21 Werke von Albin Egger-Lienz abfotografiert. Unterstützt vom Denkmalamt ging der STANDARD der Geschichte dieser Bilder nach: Einige von ihnen wurden nie restituiert. Sie befinden sich noch heute in österreichischen Museen. Zum Beispiel in Lienz oder in Klagenfurt. Zwei Egger-Lienz-Werke, die einst Georg Duschinsky gehört hatten, befinden sich in der staatlichen Stiftung Leopold.

Egger-Lienz wurde von den Nationalsozialisten sehr geschätzt: Man beschlagnahmte, was greifbar war, sowohl die Bilder mit bäuerlichen Motiven als auch jene, die sich kritisch mit dem Krieg auseinander setzen. Insgesamt dürften mehr als 20 Werke im Besitz der öffentlichen Hand (u. a. in Innsbruck) eine zweifelhafte Provenienz aufweisen.

Zwei Zeichnungen (Bildnis der Mutter und ein Studienkopf zur Auferstehung) sind in der Albertina. Sie gehörten Otto Brill. Dem Rückgabebeirat wurde bereits ein Dossier über den Fall zugestellt. Mit einer Restitution ist zu rechnen.

Die genauen Recherche-Ergebnisse können Sie im ALBUM der Samstag/Sonntag-Ausgabe lesen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 10. 2001)

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