Geschmacklos?

2. November 2001, 11:35
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In fast jedem Haushalt spuken Gegenstände herum, die man eigentlich beim letzten Übersiedeln loswerden wollte. der Standard fragte fünf Personen, warum diese Dinge immer noch da sind

Gabriele Vyskocil
Pressesprecherin von Ikea-Österreich
Er ist so eine Mischung zwischen hilflos und grotesk. Ich hab' den geschnitzten Drachen vor circa zehn Jahren in einer Galerie in Südböhmen gekauft, die ich gerne aufsuche. Das Viech ist bestimmt an der Grenze zur Geschmacklosigkeit, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es als Kitsch zu bezeichnen ist. Die Grenzen verschwimmen da ja. Vor meinem letzten Übersiedeln meinten alle Freunde "na, den nimmst aber nicht mit". Freilich kam er mit, und er bekommt auch noch einen ganz besonderen Platz in meinem Wohnzimmer. Meine erste Assoziation, als ich ihn sah, war ein Gemälde von Hieronymus Bosch.

Kurt Palm
Regisseur
Ich hab da so eine ausgestopfte Forelle, die schon in zwei meiner Produktionen mitgespielt hat. Die ist irgendwie geschmacklos. Also ich meine, ausgestopfte Viecher haben generell etwas Perverses an sich. Bei meinem letzten Umzug wollte ich sie auch wegwerfen, aber jetzt hab' ich sie doch behalten, wahrscheinlich weil ich selbst gerne fische. Plötzlich war da so ein merkwürdiges, unerklärliches Gefühl der Verbindung, und jetzt wird sie auch bei mir bleiben. Manchmal muss ich sie ins Freie hängen, weil sie ein bisschen muffelt, wahrscheinlich kommt das von der Imprägnierung. Außerdem hab' ich noch ein Christuskreuz, das eigentlich ein Feuerzeug ist. Es hängt in einer Art Herrgottswinkel, weil ich noch keine Zeit hatte, mir einen richtigen Winkel für ein Kreuz einzurichten. Ich finde so einen Ort nicht schlecht, er hat was Beruhigendes. Ich kann an dem Feuerzeug nichts Blasphemisches feststellen, ich glaube, Christus hätte durchaus Sinn für solche Scherze.

Erwin Bohatsch
Maler
Ich hab' von einem Freund so ein Feldbett geschenkt bekommen, über das ich mich seit Jahren ärgere, weil es so ein sperriges Ding ist und man sich beim Aufklappen immer die Finger einzwickt. Darum wollte ich es schon lange weggeben. Aber es ist von einem Atelier ins andere mitgewandert. Schlecht ist es ja nicht, weil man so unbequem darauf liegt, dass man keine zu langen Pausen macht, vielleicht zehn Minuten. Von der Optik her find' ich es ja ganz okay. Unten stehen so Nummern drauf, wie Codes von der Army, das gibt der Liege ein Geheimnis. Also, wenn ich mich nicht zu sehr damit rumärgern muss, dann werde ich es wohl behalten.

Jeannine Schiller
Society-Lady (Eigendefinition)
Mein Mann fragt mich seit Jahren, wann ich das Ding endlich rausschmeiße, und wir streiten eigentlich oft wegen dieser Porzellanfigur. Erst stand sie im Salon, dort musste sie weg, dann kam sie ins Vorzimmer, wo sie ebenfalls nicht stehen durfte. Jetzt haben wir sie im Schlafzimmer, und ich weigere mich, sie rauszuwerfen. Da sieht sie ja keiner, außer uns. Dort bleibt sie, und ich glaube, mein Gatte hat inzwischen aufgegeben. Ich hab' überhaupt eine ganze Menge Krimskrams im Haus, ich mag das halt, bin da sehr verspielt. Mein Mann ist da eben ganz anders, und wir mussten uns in diesen Fragen zusammenraufen. Wenn's allerdings Wickel gibt, geht's schon auch mal um die Einrichtung.

Thomas Elmayer
Tanzschul-Inhaber
Die Vase aus hochreinem Aluminium steht in meinem Vorzimmer und passt eigentlich überhaupt nicht zu meiner Wohnungseinrichtung. Wenn Besuch kommt und der sich traut, fragt er in der Regel: "Was tut die denn da?", und dann erzähl' ich die folgende Geschichte: Nachdem ich in St. Gallen Wirtschaft studiert hatte, ging ich nach Basel, dann für sieben Jahre in die Staaten, und anschließend baute ich in einem deutschen Konzern die Sparte für hochreine Metalle auf, ehe ich zur Tanzschule kam. Als Abschiedsgeschenk bekam ich damals von der Belegschaft dieses Objekt, das eigens für mich produziert wurde. Blumen gebe ich eigentlich keine rein, das Ding hat eher skulpturalen Charakter.

(DER STANDARD, rondo/19/10/2001)

Text: Michael Hausenblas
Fotos: Aleksandra Pawloff
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