Von Dünen, Krähen und schönen Zeiten

17. Oktober 2001, 22:24
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    foto: viennale

"Kurische Nehrung"

Der Dokumentarfilmer Volker Koepp reist in "Kurische Nehrung" an einen Ort, an dem sich die Geschichte der Landschaft mit der ihrer Bewohner zu einem beinahe heiteren Stimmungsbild verknüpft.


Gegen Ende seines Ausfluges an die Kurische Nehrung schickt Volker Koepp die Frau und den Mann auf Krähenjagd. "Wann haben Sie das das letzte Mal gemacht?", fragt Koepp die beiden, wenn sie sich in ihrem provisorischen Unterschlupf verstecken. "Vor vierzig Jahren", entgegnet der Mann. Vielleicht wird deshalb ihre Ausbeute eine einzige Krähe bleiben.

Die Kurische Nehrung ist ein schmaler Landstrich, der die Ostsee und das Kurische Haff voneinander trennt. Nur wenige Kilometer breit ist dieses Stück Boden, das für die Bewohner nicht allzu viel hergibt: Im Sand lässt sich eben nichts anbauen, die Einwohner der kleinen Dörfer leben hauptsächlich vom Fischfang und von den Sommergästen.

Ein geeigneter Boden allerdings für Volker Koepp, so möchte man meinen, in dessen Filmen sich die Menschen und die Landschaften eine gemeinsame Geschichte teilen. Kalte Heimat nannte Koepp Mitte der Neunziger sein eindringliches Porträt Ostpreußens, in dem er zeigte, welche Spuren Menschen in einem zerrütteten Land, aber auch das Land in den zerrütteten Menschen hinterlassen können. Wenn Koepp in Kurische Nehrung, sozusagen einem späten Kommentar zu Kalte Heimat, nun der deutschen Minderheit im litauischen Fischerdorf Nidden einen Besuch abstattet, dann findet er auch hier einen Boden, in dem sich Geschichte einschreibt.

Koepps Interesse richtet sich einmal mehr auf jene Lebensumstände, die gemeinhin als Alltag bezeichnet werden: die Straßenfegerin und Heldin des Films, die lange verheimlicht hat, dass sie Deutsche ist und bei ihrem ersten Besuch im Westen von ihrem Vater ein Paar Schuhe geschenkt bekam, sich die Heimfahrkarte aber selbst kaufen musste. Den russischen Kinobetreiber, der seine Filme in einem leeren Saal projiziert. Oder die junge Frau, die im Sommer den Touristen Bernstein verkauft und die für die andere Hälfte der Halbinsel kein Interesse findet.

Denn die Kurische Nehrung ist "geteiltes Land". Litauen und Russland grenzen hier aneinander und teilen sich den schmalen Streifen, der im Lauf der Geschichte auch von Deutschen besiedelt wurde.

Dass sich Koepp in erster Linie für sie interessiert, ist nicht weiter verwunderlich: Gerade durch die Hinwendung zu Minoritäten - wie etwa auch schon in Herr Zwilling und Frau Zuckermann im ehemaligen österreichischen Czernowitz - erschließt sich bei Koepp ein verschwindendes Terrain, das die Orte ebenso wie ihre Bewohner umfasst. Doch in Kurische Nehrung ist diese Verbindung weniger straff als vielmehr melancholisch heiter.

Fast möchte man sagen: ein Stimmungsfilm, in dem die Erzählungen der Menschen von beinahe überwältigend schönen Landschaftsaufnahmen unterbrochen werden. So wie die junge Frau das Gesagte auf Litauisch wiederholen soll, "damit wir die Sprache mal hören", so entwirft, dieser Lautmalerei entsprechend, Kameramann Thomas Plenert in tableauartigen Naturbildern ebenfalls eine Form von Stimmungsimpressionismus.

Dennoch kann eine nostalgische Verklärung Kurische Nehrung nicht zugeschrieben werden, zu stilisiert wirken dafür in ihrer ausgewählten Farbenpracht die gelben Dünen, der blaue Himmel und das grüne Meer. Und erscheinen somit eher als ironischer Kommentar zu jenen schönen Zeiten, von denen die Heldin noch heute schwärmt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)

 Von
 Michael Pekler


Metro,
20. 10., 11.00;

Künstlerhaus Kino,
21. 10., 18.30
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