Karin Jurschicks "Danach hätte es schön sein müssen"
"Er ist zäh", sagt sie wiederholt aus dem Off, oder: "Ich sehe, was er nicht sehen kann." Da bereitet er sich gerade ein Müsli zu, jede Handbewegung sitzt, alle Reste werden fein säuberlich entfernt und weggeputzt. Die Tochter besucht den Vater mit ihrer DV-Kamera. Er ist ein alter Mann. Vor über 25 Jahren nahm sich die Mutter das Leben. Ihr Abschiedsbrief war nicht mehr als eine lapidare Notiz, ein "Einkaufszettel": "Entnehmen Sie alle Kosten anliegender Geldbörse".
Die Tochter ist die Regisseurin Karin Jurschick, ihr Film Danach hätte es schön sein müssen ein Indizienprozess gegen den Vater, getragen von dem Wunsch, eine Erklärung für den Tod der Mutter zu finden. Vom Schaum vor dem Mund schneidet sie auf das Spülwasser, ins Puppenhaus, den Ort, am dem die Mutter krank wurde. Jurschick filmt die Wohnung, die heute noch unverändert aussieht, und sie filmt sich dabei, wie sie den Vater filmt.
In Gesprächen, mit zum Teil sehr suggestiven Fragen, versucht sie ihn gleichermaßen zu verstehen wie zu überführen. Seine Antworten sind ausweichend, öfters meint er, die Mutter sei für die Heirat zu jung und unerfahren gewesen. Wahrscheinlich hat er ihre Bedürfnisse nicht erkannt, sein Blick auf die Menschen ist (zu) funktional, seine Moral eine Frage der Perspektive: Auf den Familienfotos, demonstriert Jurschick, sind Mutter und Kind so abgelichtet, dass sie sich in ein Panorama harmonisch einfügen.
Über den Kommentar sucht Jurschick die nötige Distanz, indem sie "Zeugenaussagen" oder "Beweisstücke" wie Briefe von Schauspielern (Eva Mattes, Reinhard Firchow) sprechen lässt. Das Familiendrama wird derart auf ein größeres Bezugsfeld übertragen, zu einem Stück Sozialgeschichte Nachkriegsdeutschlands. Umgekehrt vermag der Beruf des Vaters - er war Experte für Schiffsmotoren - Aufschluss über seine Ordnungssucht zu geben.
Fremdes Bildmaterial setzt Jurschick erfinderisch assoziativ ein, bisweilen mit der Macht Eisenstein'scher Attraktionsmontagen, wenn ein Fleischwolf die Hausarbeit versinnbildlicht. Doch Jurschick entgeht banalen Erklärungsmodellen, Opfer wie allfällige (Mit-)Täter werden bis zuletzt nicht entlarvt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)
Von
Dominik
Kamalzadeh
Künstlerhaus Kino,
20. 10., 16.00;
22. 10., 18.30