Naomi Kawase über Einsamkeit durch West-Einfluss - Ein STANDARD-Interview
Naomi Kawase
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Selbst innerhalb der talentreichen jüngsten Generation japanischer Autorenfilmer gilt Naomi Kawase seit ihrem Spielfilmdebüt "Suzaku" als Ausnahmeerscheinung. Die "Viennale" zeigt nun ihre zwei jüngsten Arbeiten: den Videoessay "KyaKaRaBaA" und den Spielfilm "Hotaru".
Dominik Kamalzadeh traf sie zum Gespräch.
Erinnerung, Familie, Identität - die Filme der japanischen Regisseurin Naomi Kawase beschäftigen sich auf eine sehr intime Weise mit der Kluft zwischen Tradition und Moderne, einmal dokumentarisch, einmal fiktiv. Auch ihre zwei betörenden neuen Arbeiten weichen davon nicht ab: KyaKaRaBaA setzt ihre schon fast obsessive Auslotung der eigenen Familiengeschichte fort, während ihr Spielfilm Hotaru von einer Stripperin und einem Töpfer erzählt, die sich erst mit der Vergangenheit versöhnen müssen, um sich lieben zu können.

Hotaru
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STANDARD: Zunächst eine Frage, die Ihnen vermutlich schon öfter gestellt wurde: Was bedeutet der Titel Ihres Films, Hotaru, genau?
Naomi Kawase: Wörtlich lässt er sich als Hängende Feuer übersetzen, was sich auf die Figuren, die für Feuer stehen und zugleich an etwas hängen, bezieht. Zugleich bedeutet er jedoch Glühwürmchen. Die Insektenart kommuniziert mit dem Licht. Die moderne Welt ist jedoch mehr und mehr erhellt, also können sich die Glühwürmchen nicht sehen. Das ist für mich eine Metapher für menschliche Beziehungen im heutigen Japan.
STANDARD: Die Metapher des Feuers ist auch sonst sehr präsent: etwa die Neujahrsfeuer am Beginn und am Ende?
Kawase: Dieses Neujahrfestival im März in Nara existiert seit 800 Jahren. Die Zeremonie wird von 14 Mönchen ausgeführt, die rund zwei Wochen für den Frieden beten. Da dieses Fest eine derart lange Tradition hat, steht es im Film auch für die Zeit, bevor Ayako und Daiji, die beiden Hauptfiguren, geboren wurden. Es ist ein Symbol für die Verbundenheit aller Generationen.
STANDARD: Die Beziehung zwischen Generationen ist ja oft Thema bei Ihnen. Weshalb kommen Sie darauf zurück?
Kawase: Die Tradition in Japan verlangte, dass die gesamte Familie zusammen lebt, den selben Raum benützt. Insofern war die Verbindung innerhalb der Familie sehr stark. Mit dem Einfluss der westlichen Gesellschaft, ihrem Konzept der Individualität änderte sich das. Die Menschen erhielten Privatsphäre. Die Privatheit wurde jedoch alsbald zur Einsamkeit pervertiert, die wiederum die familiären Bande schwächte. Man gewann das eine und verlor das andere.
STANDARD: In Hotaru ist es für das Paar essenziell, sich der Familiengeschichte zu stellen ...
Kawase: Sie haben Schwierigkeiten, jemand anderen zu vertrauen, sich näher zu kommen, weil sie ähnliche Probleme bereits mit ihren Familien hatten. Ayako hat ihre Mutter mit einem anderen Mann gesehen. Diese hat aus Schuldgefühlen Selbstmord begangen. Sie wuchs mit diesem Bild in ihrem Herzen auf. In Daijis Fall starb die Mutter bei seiner Geburt: wieder ein Verlust. Er wächst bei seinem Großvater auf.
STANDARD: Die Veränderung drückt sich formal aus: Anfangs benützen Sie die Handkamera, dann werden die Einstellungen immer statischer.
Kawase: Ich wollte über die Art der Einstellungen ausdrücken, wie ich über die Figuren empfinde. Bei Ayako wollte ich ihre Stärke mit der Arbeit der Kamera unterstreichen. Wenn ich statische Einstellungen verwende, dann vermittle ich den Blick ihrer Vorfahren, die sie gleich einer Biene aus der Distanz betrachten. Letztere Sichtweise ist für mich objektiver als erstere.
STANDARD: Auffallend ist auch die Dauer der Einstellungen. Sie zeigen Ayakos Reise nach Hause etwa sehr ausgiebig, in vielen Etappen.
Kawase: Was ich zu zeigen versuche, ist, dass jedem Moment etwas vorausgeht und folgt. Ich versuche Zeit in Bildern zu konzentrieren. Ayako kehrt nach zehn Jahren heim. Sie wuchs in diesem Dorf auf - jetzt, wo sie jemanden gefunden hat, muss sie nochmals dorthin zurück. Der Weg gleicht einer Zeitreise, weil sie alle die Dinge wieder sieht, die sie schon einmal gesehen hat - das braucht Zeit.
Dieses Dorf ist überdies das Dorf meines Vaters. Der Weg, den Ayako bestreitet, ist der selbe, den meine Eltern einst gegangen sind. Das ist mein persönliches Geheimnis, das noch hinzu kommt.
STANDARD: Welche Signifikanz haben die Lehmöfen?
Kawase: Der Ofen ist ein Symbol für den mütterlichen Leib, das Leben entsteht daraus und womöglich kehren wir dorthin zurück. Wenn sie am Ende den Ofen, den der Großvater gebaut hat, zerstören, sieht man, dass alles, was eine Form hat, zerstört werden kann. Das gilt auch für Menschen. Sie verschwinden irgendwann, werden zu Staub, aber die Seele bleibt zurück.
STANDARD: Die Zerstörung als Geste des Abschließens mit der Vergangenheit?
Kawase: Es ist mehr ein Geste, sich der Vergangenheit zu stellen, um etwas eigenes daraus zu machen. Man kann nicht einfach vergessen.
KyaKaRaBaA: Stadtkino, 22. 10., 18.00; 24. 10., 15.30
Hotaru: Metro, 23. 10., 21.00
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)