Eigenwillig, die Kurzfilme des jungen Aquitaniers Alain Giraudie
Kino, fabelhaft: Eine eigenwillige Kurzfilmretrospektive bietet die "Viennale" mit dem bisherigen Schaffen des jungen Regisseurs Alain Guiraudie an.
Alain Guiraudie inszeniert Spielfilme, hat noch nichts Abendfüllendes gemacht - bekommt aber schon seine erste Retro: Das passiert selten und deutet an, was für ein singuläres Talent dieser 37 Jahre alte, eingeschworene Aquitanier und Kommunist ist.
Kurzspielfilme nimmt meist keiner wirklich ernst - völlig zu Recht: Gespielte Witze, selbstgefällige Kultfilmplotpoints oder schlaglichternde Sozialschlagzeilen: alles Großform-Miniaturen, denen man immer nur ansieht, was deren Macher eigentlich wirklich wollen: Mehr Geld für's nächste Projekt. Man vergisst dabei oft, dass der Kurzspielfilm eine ganz eigene, vertrackte Form unprosaischen Erzählens sein kann.
Bei Alain Guiraudie sieht das - nach drei schönen kurzen und zwei gigantischen mittellangen Filmen in elf Jahren - zum Beispiel so aus:
Die schwer mit der 39-Stunden-Woche beschäftigte Friseuse Nathalie Sanchez trifft auf der Suche nach den Ounayes auf einen Hüterhirten, Djema Gaouda Lon, der nun wiederum auf der Suche nach eben seiner Herde ist; beim suchenden Herumstreifen auf einem aquitanischen Kalkhochplateau, wo man nie so recht merkt, ob's nun eigentlich vorwärts geht oder nicht, treffen die beiden kursorisch auf zwei abwechselnd auftauchende Gestalten: den aller Wege in der Steppe verlustig gegangenen Straßenräuber Carol Izba und dessen Verfolger, den Kopfgeld-Jäger Pool Oxanosas Dai.
Fünfundfünfzig Minuten lang schwadronieren, dozieren, tellern, schwallen, dichten sie über Gott und die Welt - der Himmel ist weit, die Wolken sind atemberaubend, die Menschen darunter klein, ihre Gedanken groß. So ist das in Du Soleil pour les gueux (2000), bislang dem Schlüsselwerk Guiraudies.
Der drei Jahre zuvor realisierte La Force des choses (1997) ist eine heitere Skizze dieses kleinen Meisterwerks: Da hopst eine schon mehrfach entführte Prinzessin durch den uranischen Wald, wird - während zwei Nasen ohne Punkt und Komma die Liebe diskutieren - von einem säbelschwingenden Fliegerbrillenträger aus den Fängen ihres sich mit den eigenen Fallstricken flachlegenden Entführers befreit und muss sich am Ende leicht genervt anhören, wie zwischen Mütze und den Liebestötern klargemacht wird, wer nun die Belohnung bekommt.
Die Fabel ist haarsträubend, ihr Werden episch - manchmal wie bei Brecht und manchmal wie bei Ford, was sich aber eh nicht widerspricht, wie schon der junge Glauber Rocha per exemplum - Deus e o Diabo na terra do sol (1964) - den jungen Alain Guiraudie lehrte. Dinge werden durch ihre Erscheinung, ihre kinematographische Präsenz: Schon der Titel macht klar, dass es hier um das Wie statt um das Was geht.
Das Schöne an Guiraudies Filmen ist, wie sich seine exzentrischen Geschichten inniglich mit seinen verschrobenen Formen verschlingen, so dass man nie weiß, was nun zu was geführt hat: ob man also Gespräche einfach unbedingt mit zotigen Jumpcuts zwischen Totale und Nahaufnahme inszenieren muss oder ob monumentalste Landschaftsaufnahmen mit winzigen, gerade noch sichtbaren Gestalten, deren Dialoge dabei fett vorne zu hören sind, unbedingt nach träumerischen Inhalten verlangen.
Das Ganze entwickelt so seine eigene Dynamik und Form. Ähnlich dem alten Anarchisten Seijun Suzuki weiß Guiraudie, dass der kürzeste Weg zwischen zwei Gedichten eine Idee ist, dass primär Rhythmus, Tonalität in Licht und Farbgestaltung, das Schichten von Texten, das Aufeinanderprallen von Realem und Fiktiven aller Couleur, von genau Sozialem und utopisch Asozialem letztlich zu originär filmischem Erzählen führen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)
Von
Olaf Möller
Teil 1: Metro,
22. 10., 23.00;
23. 10.,
16.00;
Teil 2: Metro,
24. 10., 21.00;
25. 10., 11.00