"Ästhetik der Armut" - und des Widerstands

18. Oktober 2001, 01:09

Ein Höhepunkt: Tribute für Peter Nestler

In Zeiten dokumentarischer Beliebigkeit und brüllend sensationalistischer Reportagen setzt die "Viennale" einmal mehr karge Kontrapunkte - auch als Plädoyer für einen bedachtsamen, sorgfältigen Umgang mit der Welt: Ein Höhepunkt ist der diesjährige Tribute für Peter Nestler. Seit nunmehr gut vierzig Jahren versucht der Filmemacher, "den Dingen auf den Grund" zu gehen.

Von Claus Philipp

"Ich glaube immer mehr, dass Peter Nestler der wichtigste Filmemacher in Deutschland seit dem Kriege gewesen ist." So Jean-Marie Straub, der wie Nestler völlig zu Recht zu den Säulenheiligen der Viennale unter Hans Hurch zählt. Man kann anschließen: Dieser Wertschätzung aus berufenem Munde ist eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen - und sie ist natürlich mit der Erkenntnis eines Mangels im Kino und speziell im deutschsprachigen Kino verbunden. Wie führte Straub weiter aus: "Nestler hat wahrscheinlich als Einziger hier nur das aufgenommen, was er aufgenommen hat, und er hat nicht versucht, die Leute zu kitzeln."

Ein schönes Beispiel dafür, was das in letzter Konsequenz bedeutet, ist Zigeuner sein, ein gerade einmal 47 Minuten langes Porträt von Überlebenden aus dem Burgenland, die vergebens um Wiedergutmachung der in der Nazi-Zeit zugefügten Beschädigungen kämpfen. Grafiken aus dem "Zigeuner-Zyklus" des deutschen Malers Otto Pankok hält Nestler gegen beredte Gesichter und alltägliche Impressionen am Rande der ländlichen Gesellschaft.

Nach dem Morden in Oberwart hat übrigens Hans Hurch, damals noch Kurator der Initiative hundertjahrekino, diesen Film kurzerhand im Wiener Stadtkino programmiert. Einmal mehr wurde auch damals evident: Gegen das stille, karge, den Effekt und die vorlaute "Aktualität" scheuende Aufnahme- und Montageprinzip Nestlers kommt die gängige Reportage, selbst wenn sie noch so aktuell sein mag, nicht an: Der Filmemacher versammelt ja ganz bewusst nicht "Indizien" oder "Fakten". Seine Bilder und Töne künden von einer Konzentration, die den Dingen substanzieller auf den Grund geht.

Foto: Viennale
Ein Arbeiterclub in Sheffield

Man sieht dies und auch den ideologischen Hintergrund Nestlers bereits in frühen kurzen Filmen wie Ein Arbeiterclub in Sheffield (1965): eine Milieustudie, strukturiert wie ein bewegtes Fotoalbum, in dem Nestler - so Rainer Komers einmal - "für jeden Menschen das richtige Bild" findet. Es wäre interessant, was die zuletzt an den Fotografien von Bill Brandt geschulte Ilse Aichinger über diese "Ästhetik der Armut" (Sebastian Feldmann) denkt.

Jedenfalls wird schon hier sichtbar: "Die thematischen und ideologischen Quellen in Nestlers Filmen sind: von einer Haltung der 50er Jahre." So Hartmut Bitomsky, und: "Sie versucht, über den Antifaschismus und gegen den Antikommunismus eine Verbindung zu finden zu einer möglichen Arbeiterpolitik. Diese Politik kann nur bescheiden sein, einfach und direkt; nicht an den diplomatisch und taktisch gekrümmten Linien einer Partei orientiert."

Foto: Viennale
Aufsätze

Dies führt mitunter zu Beobachtungen von Arbeit, von Handwerk oder von anderen viel zu wenig dokumentierten Tätigkeiten und Prozessen. Ein Lieblingsfilm, den die Viennale zeigt, heißt Aufsätze (1963): Kinder schreiben etwas auf, tragen es vor, besprechen es mit der Lehrerin, davor und danach Wege und Geplänkel - hin zur Schule, dann nach Hause. Man könnte meinen, dass so etwas selbstverständlich für jeden filmbar wäre. Aber bei Peter Nestler ist es mehr: ein Gedicht und ein soziales Lehrbild zugleich.

Noch ein Meisterwerk - aus jüngerer Zeit: Die Nordkalotte (1990 - überhaupt, diese herrlichen Titel!): Nestler porträtiert darin eine Gruppe von Lappen, die vor dem Hintergrund der Naturzerstörung in Lappland und der Tschernobyl-Katastrophe besonders prekäre Überlebensbedingungen vorfinden. Auch hier meidet Nestler plakative Anklagen, die Bilder, freilich umwerfend gefilmt und montiert, sprechen für sich selbst.

Foto: Viennale
Die Nordkalotte

Für genauere Hinweise sei übrigens auf den exzellenten Viennale-Katalog aufmerksam gemacht, in dem auch folgender Lebenslauf ausgiebiger hinterfragt wird: Nestler, 1937 in Freiburg geboren, erhielt Mitte der 60er in Deutschland keine Aufträge mehr: "Kommunistische Machwerke" warf man ihm vor. 1966 emigrierte er nach Schweden: Dort entstand ein Gros seines Werks. Auch dort eckte er an. Mittlerweile arbeitet er wieder für deutsche TV-Sender.

Und außerdem freuen wir uns schon auf den neuen Film Flucht - von dem Nestler sagt, er sei "mehr als ein Erinnerungsbild eines hervorragenden Malers und von Rassisten gehetzten Menschen": Gemeint ist Leopold Mayer/Leo Maillet, der 1934 Deutschland verlassen musste und eine abenteuerliche Odyssee hinter sich brachte. Wohlgemerkt: Der Film erzählt wesentlich mehr.

Wie schrieb Jean-Marie Straub: "Leute" wie Nestler, "die einfach aufnehmen oder filmen, malen, zeichnen, ohne vorher zu versuchen, eine Form aufzuzwingen und dadurch die Realität verschwinden zu lassen - solche Leute werden immer seltener auf dem Gebiet des Films."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.