Mach den Lichtschalter-Test

23. Oktober 2001 02:25

Gezeichnete Bilder mit viel Eigenleben: Richard Linklaters "Waking Life"

Foto: Viennale
Richard Linklater
Einmal eine Zeichentrickfigur sein: Richard Linklater verwirklichte sich mit "Waking Life" diesen Traum. Ein Gespräch mit dem Regisseur und seinem Partner Bob Sabiston, das erklärt, wie sich ihr Film sonst noch von herkömmlichen Animationen unterscheidet.

Von Isabella Reicher


"Dream is destiny." So steht es geschrieben - zu Beginn von Richard Linklaters Waking Life, wenn zwei Kinder Himmel oder Hölle spielen und am Ende eines der beiden abhebt, um die Welt aus der Vogelperspektive zu erkunden.

"Traum ist Schicksal" - unter dieser Prämisse driftet auch Wylie Wiggins, bekannt aus Linklaters Dazed & Confused, später in Waking Life von einer Begegnung zur nächsten. Er trifft dabei auf Freizeit- und Profi-Philosophen, die den Existenzialismus gegen die Postmoderne abwägen. Eine Sprachwissenschafterin, einen Neurobiologen oder einen Quantenphysiker. Zwischendurch wird die Erzählstafette auch an Dritte abgegeben. Es geht in ihren Gesprächen um nichts weniger als um die Verfasstheit des Menschen - als Materie ("we're mostly water"), als soziale oder politische Größe. Um Gefühlsleben, Bewusstseinszustände, Willensentfaltung oder die kleinen Fehler im System menschlicher (Selbst-) Wahrnehmung.

Die Grenzen zwischen Traum und Wachzustand sind fließend. Aber selbst hierfür gibt einer eine probate Orientierungshilfe: "Wenn du zum Lichtschalter gehst und das Licht an- und ausschalten kannst, dann ist es kein Traum." Das Testergebnis bestätigt allerdings eher Wylies Befürchtungen: Selbst sein Erwachen ist Teil eines nicht enden wollenden Traumes.

Foto: Viennale

Zum einen ist Waking Life also eine konsequente Weiterentwicklung von Linklaters bisherigen Arbeiten: "Die Leute in meinen Filmen haben sich immer schon miteinander unterhalten, viel geredet. Ich suche stets nach Erzählungen, die eine Menge von widersprüchlichen, verschiedenen Informationen und Ideen miteinschließen."

Animiertes Neuland

Formal betritt der Regisseur damit allerdings Neuland. Waking Life ist ein Animationsfilm, der auf einem Verfahren namens Rotoskopie basiert, für das die in Austin, Texas, beheimatete Firma Flat Black Films eine Computeranwendung ausgetüftelt hat. Tommy Pallotta, die eine Hälfte von Flat Black Films, hatte schon in Slacker als Schauspieler mitgewirkt. Eine Rotoskopieanimation von Bob Sabiston, Pallottas Partner, führte schließlich zur Zusammenarbeit an Waking Life.

Rotoskopie, bereits in den Zehnerjahren von Max Fleischer entwickelt, verwendet Realfilmaufnahmen als Grundlage für Animationen. Linklater drehte zunächst also eine Videoversion von Waking Life mit Digitalkameras und einem Cast aus professionellen Darstellern und vielen Laien (Akademikern, Künstlern etc.), die im Film quasi sich selbst spielen.

Diese Aufnahmen dienten den Zeichnern anschließend als Vorlage für ihre rund ein Jahr währende Animationsarbeit: Das Material wurde in die Computer geladen und gewissermaßen "übermalt".

Foto: Viennale

Linklater und Sabiston entschieden sich dabei dafür, den jeweiligen Zeichnern ihren individuellen Stil zu lassen: "Bei den meisten Animationsfilmen gibt es dieses 'Überdesign', das die einzelnen Mitarbeiter dann nur noch ausführen. Wir haben uns zuerst das Video angesehen und grundsätzlich festgelegt, dass wir die Animationen eher 'realistisch' halten wollen und etwa die Farben und das Licht der Vorlage weitgehend beibehalten, um dem Ganzen einen Zusammenhalt zu geben. Aber innerhalb dieser Vorgabe wollten wir auch, dass die Zeichner - jeder von ihnen war für eine bestimmte Sequenz zuständig - ihre künstlerische Integrität wahren können und eigene Stilelemente einbringen."

Mit dem Ergebnis, dass Waking Life zwischen zarten Wasserfarbenbildern und grob schematisierten, großflächigen Sequenzen, Pop-Art-Anklängen oder Comicstrecken eine fließende Atmosphäre entwickelt, die den Inhalt passend transportiert (und manchmal wohltuend vom Wortschwall ablenkt). Konturen verschwimmen, die Kolorierung fällt aus dem Rahmen, Figuren lösen sich beinahe auf, mitunter wird ihre Rede bildhaft und kleine Gedankenblitze umflattern die Köpfe.

Realismus, gezeichnet

"Die Zeichner sollten bestimmte Charakteristika vermitteln. Wie etwa bei jenem Mann, der mit den Händen redet. Er ist ein sehr expressiver Redner, und wenn man sich an ein Gespräch mit ihm erinnert, würde der Eindruck den Übertreibungen der Zeichnung entsprechen. Das ist sozusagen realistisch in Bezug auf seine Persönlichkeit."

Sabiston kannte viele der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schon vorher und "castete" sie gezielt: "Ich wusste, wessen Stil sich für einzelne Figuren eignen würde - wie eben dieser Mann mit der physisch ausufernden Redepräsenz: Sein Zeichner hatte schon vorher Leute in dieser Weise dargestellt. Auch die Zeichnerin, die die Szene mit Julie Delpy und Ethan Hawke gemalt hat, macht üblicherweise sehr intime Bilder von Paaren in üppigen Settings, die Szene sah also von vornherein wie eines ihrer Bilder aus. Manchmal haben sich die Zeichner 'ihre' Figuren auch selbst ausgesucht."

Nie jedenfalls, so der Regisseur, hätte er Waking Life als Realfilm verwirklichen können - die Umsetzung des Projekts sei lange daran gescheitert, dass er ihn sich nicht als gelungenen Realfilm habe vorstellen können. Weitere Animationsfilme dieser Größenordnung plant er derzeit trotzdem nicht.

Dafür ist er jedoch noch in ein anderes ungewöhnliches Projekt involviert: Für Indigent Films - eine Initiative für Independent Kino auf Basis digitaler Technik - hat er kürzlich einen unterhaltsamen Beitrag mit dem sprechenden Namen Tape gedreht.

Gartenbau, 20. 10., 23.00;
Künstlerhaus, 22. 10., 21.00
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)

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