Sätze sezieren

16. Oktober 2001, 10:01
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Eine kleine Sensation: Vorlesungen von US-Philosoph Donald Davidson in Wien

von Herbert Hrachovec*


Wien - Was machen Philosophen in den Medien? Seltsame Dinge. Sie schreiben Leitartikel aus akademischer Distanz. Sie erwecken den Anschein, zu allen Aktualitäten einen Kommentar parat zu haben, und klagen im kleinen Kreis über die Flüchtigkeit der Leserschaft. Und was tun sie außerhalb der Medien? Verschiedenes, das ebenso wenig in die Zeitung gehört wie die Vorbereitung der Frühjahrskollektion oder ein Gespräch beim Rechtsanwalt. Diese alltägliche Philosophie erweckt erst dann öffentliches Interesse, wenn jemandem ein Preis verliehen wird oder ein Bestseller zu vermelden ist.

Eine kleine Sensation gab es die letzten beiden Wochen in Wien. Donald Davidson, einer der einflussreichsten US-Philosophen, der - zusammen mit seinem Lehrer W.v.O. Quine - Generationen von Studenten geprägt hat, hielt Vorträge an der Wirtschaftsuniversität. Auf Initiative von Gabriele Mras war es gelungen, ihn für eine Gastprofessur zu gewinnen. Vergleichbar wäre ein Konzert Leonard Bernsteins, eines Studienkollegen Davidsons an der Harvard University, gewesen.

Anlass zu Aufmerksamkeit, sollte man meinen. Aber die sonst so beredten Philosophen schweigen. Beim Rundfunk etwa sah man keine Chance, einen Bericht über das Ereignis unterzubringen. Es gibt zwei Arten Philosophie, eine für den Tagesgebrauch der Massenmedien und eine andere, die nach Denkarbeit für Jahrzehnte misst.

Nun sind Davidsons Arbeiten allerdings das Gegenteil einer Aufsehen erregenden Theorie. Sie kreisen um Komplexe wie "Materie und Form", "Bedeutung" und "Wahrheit". Man könnte meinen, dass diese Fragen nur mehr historisch interessant sind. Davidson hat ihnen unerwartete neue Aspekte abgewonnen. Seine Vortragsreihe trug den Titel "Probleme der Prädikation". Sicher kein Knüller, aber ein Paradebeispiel dafür, wie tief philosophische Untersuchungen gehen.

Behauptungen

Schlagzeile: "Die Aliens sind mitten unter uns". Übersetzung zum wissenschaftlichen Gebrauch: "Prädikation ist ein fremdartiger Fachausdruck, betrifft aber das Leben, das wir täglich führen." Es besteht zum guten Teil aus Sätzen, die Behauptungen mitteilen. Wie funktionieren die? Eine Grundlage ist sicher, dass Dingen Eigenschaften zugesprochen werden. "Leonard Bernstein war Komponist": Diese Prädikation macht die Worte interessant. Sie informiert über einen Sachverhalt.

Die Prädikation bewirkt den Unterschied zwischen Listen und Sätzen. Aktienkurse sind Tabellen; sie allein können den Finanzmarkt nicht beschreiben. Eine Expertin muss aus der Liste Sätze machen, um damit arbeiten zu können. "Die Werte von Wienerberger sind gestiegen". Tabellen lassen sich erweitern, ein Satz dagegen behaupten oder bestreiten; damit eignet er sich zur kommunikativen Auseinandersetzung. Der Austausch von Daten ist das eine, die Argumentation über Behauptungen das andere. Die Untersuchung des Behauptens reicht an die Wurzeln des vernünftigen Umgangs von Menschen miteinander. Bekanntlich verläuft der alles andere als reibungslos. Die philosophische Sichtweise wirft ein Licht auf die Schwierigkeiten.

Begründungen

Angenommen, die Worte "Leonard Bernstein" und "war Komponist" stehen auf einer Liste untereinander. Die erste Zeile bezieht sich auf eine Person, darauf kann man sich leicht einigen. Aber worauf zeigt das Prädikat? Ob alle Komponistinnen der Welt etwas gemeinsam haben, ist keineswegs ausgemacht. Wer hat das Recht, das Prädikat für sich in Anspruch zu nehmen? Mit der Analyse des Weltbezugs von Prädikaten greift die Philosophie in die Debatte ein, was Behauptungen sachlich begründet. Davidsons Thema lässt sich jetzt verdeutlichen.

Wenn Subjekt und Prädikat im Satz sich in gleicher Weise auf die Wirklichkeit beziehen, besteht die Welt aus konkreten Dingen und zweitens aus Gegebenheiten, deren Status nicht so klar ist. Man sagt, Bernstein besitze die Eigenschaft, Komponist zu sein. Aber die ist nirgendwo zu sehen, und was heißt in diesem Zusammenhang "besitzen"?

Genau dieser Besitzanspruch löst oft Konflikte aus. Es gibt anspruchsvolle Theorien, die den Sprecherinnen Einsicht in eine "Begriffswelt" zuschreiben. Ausgestattet mit dieser Fähigkeit, verankern sie ihre Behauptungen beruhigt in der Wirklichkeit. Andere, skeptischere Ansätze bezweifeln das Recht, sich derartig auf Begriffe zu stützen.

Davidson legte Überlegungen vor, die darauf zielen, die Zuschreibung von Eigenschaften ohne Rückgriff darauf zu erklären, dass Formen vorgegeben sind, denen wir entsprechen müssen. Sie lassen sich nicht verbal erfassen und in Sätzen mit den ebenfalls erfassten Dingen synthetisieren. Davidson verfolgte das in die technischen Details der sprachanalytischen Tradition. Sie gehört zur Philosophie, wie sie täglich praktiziert wird. Unzählige Sätze umgeben uns. Viele teilen etwas mit, wenige sind aktuell.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10. 2001)

*Herbert Hrachovec ist Philosph und unterrichtet an der Uni Wien. Er veröffentlichte etwa die Textsammlung
"Drehorte.
Arbeiten zu Filmen".

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