Tugend der Feigheit?

20. Jänner 2002, 21:44
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Streitbares: Barbara Coudenhove-Kalergi über Österreichs feige Männer (und Fußballer)

Wenn Krieg ist und vielerorts gekämpft, gelitten, gestorben und mit Bedrohungen gelebt wird, steht die Tugend der Tapferkeit hoch im Kurs. Nicht bei uns. Wir feiern die Tugend der Feigheit.

Als die meisten Fußballer der österreichischen Nationalmannschaft sich unlängst weigerten, in Israel zu spielen, registrierte die Krone 72 Prozent Zustimmung für ihre Entscheidung. "Mut zur Angst" titelte eine Zeitung. "Recht auf Angst" lautete die Schlagzeile in einer anderen. Seine Mutter hätte gesagt, er solle nicht fahren, begründete ein Spieler seine Weigerung. Ja dann ...

Es gab auch kritische Stimmen zu der Affäre. Aber sie bezogen sich fast ausschließlich auf die "Unsportlichkeit" der Mannschaftsmitglieder. Dass die Anwesenheit österreichischer Fußballer in Israel in Zeiten des Terrors, mit dem die Israelis seit Jahren leben, auch ein Zeichen der Solidarität (mit den Menschen, nicht mit der Regierungspolitik) gewesen wäre, kam nirgends vor.

Die meisten Israelis assoziieren Österreich immer noch vor allem mit den Ereignissen des Jahres 1938. Jetzt sind die Österreicher auch noch diejenigen, die sich nicht einmal ins perfekt gesicherte Stadion von Tel Aviv trauen. Was ist nur los mit uns?

Vor einigen Jahren gab es eine Umfrage, wofür die Österreicher im Bedarfsfall ihr Leben riskieren würden. Für die Freiheit? Für die Demokratie? Große Mehrheiten sagten Nein. Der bloße Gedanke, dass österreichische Special Forces im Hindukusch gegen Terroristen kämpfen könnten, ist unvorstellbar. Und wer die Chronikseiten der Boulevardpresse durchblättert, dem fällt immer wieder auf, dass bei österreichischen Eifersuchtsverbrechen fast nie der Rivale, sondern fast immer die Frau zu Schaden kommt. Wenn schon Gewalt, dann vorzugsweise gegen Schwache. Nicht, dass österreichische Männer genetisch feiger wären als andere. Aber es scheint, dass unsere Geschichte, in der nie eine erfolgreiche Revolution und wenige Beispiele von bürgerlichem Widerstand vorgekommen sind, ein Klima der Duckmäuserei gefördert hat. Die heilige Kuh Neutralität tut das ihre dazu. Sich für eine gute Sache in Gefahr begeben - nein, lieber nicht.

Auch eine gewisse Sorte von Feminismus scheint an diesem Klima nicht unschuldig zu sein. Heldentum ist out. Machismo erst recht. Gut so, wenn damit hohle Kraftmeierei und ödes Sexgeprotze gemeint sind. Aber wenn zur Männlichkeit auch Mut und Verantwortungsbewusstsein gehören - dann bitte mehr davon! Frauen wollen und brauchen keine Männer, die immer dann weg sind, wenn es irgendwo mühsam oder gefährlich wird.

Die Fußballmama, die ihren Buben nicht nach Israel fahren lassen wollte, kann man schon verstehen. Jede Mutter hat lieber einen feigen als einen toten Sohn. Aber manchmal müssen Söhne eben auch Dinge tun, die ihre Mütter nicht wollen. Und die starken Frauen von heute müssen aufpassen, dass sie nicht unversehens eine Generation von Hasenfüßen heranziehen.

So, wie es aussieht, kommen demnächst gefährlichere Zeiten auf uns zu. Das Zeitalter der Gemütlichkeit scheint sich seinem Ende zuzuneigen. Man muss nicht gleich so weit gehen und wieder Heldenmut und Soldatenehre propagieren. Augenmaß, kühler Kopf und Festigkeit dort, wo es Not tut, genügen auch. Es ist auch durchaus okay, in gefährlichen Situationen Angst zu haben. Aber man muss ja nicht gleich weglaufen - man kann sich auch fürchten und trotzdem widerstehen. Freilich - siehe "Mut zur Angst" - aus der Feigheit auch noch eine Tugend zu machen, sollten wir uns abgewöhnen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10. 2001)

15.10.2001
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