Unter dem Licht der Zeit

7. Oktober 2003, 19:31
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Der beeindruckende Briefwechsel zweier Freunde

Es gibt Bücher, die wirken nach, lassen einen nicht los, lösen etwas aus. Der kleine Band Unter dem Licht der Zeit, ein Briefwechsel der beiden in Paris lebenden Lyriker Dimitri T. Analis und Adonis ist so ein Buch. Grieche und etwas jünger (Jahrgang 1938) der eine, syrischer Araber und gerade 70 geworden der andere. "Der Tod und die Freundschaft sind die Domäne der Soldaten, der Seeleute und der Dichter. Auch die Freiheit, denn sie ist der Stoff ihres Umherirrens" schreibt Analis. Und der Einsamkeit, von der oft die Rede ist, könnte man anfügen.

Athen, Syrien, Ios, Sizilien sind die Stationen, von wo sich die beiden schreiben. Wo sind sie hingekommen, die Gerüche, der Blick der Kindheit fragt Adonis, und was hilft, wenn man das "Glas der Leere" trinkt? Die Freundschaft kann helfen, schreiben sie sich, die Liebe sowieso - und die Poesie. Einkehr und Ruhe jedoch wird es keine geben. "Im Grund sind wir", schreibt Analis, "auf der Suche nach einem Ort, der für uns eine wahre Heimstatt ist; die Städte sind Haltestellen. Wir leben weder in Beirut noch in Athen noch in Paris. Wir sind Mieter unseres Herumirrens." "Was mich angeht, werde ich nichts als eine vorbeiziehende Wolke gewesen sein. So wie die anderen Passanten werde ich nirgends einen Platz haben, nicht einmal da, wo ich geboren bin" sagt Adonis.

Es sind die Zeremonien des Verschwindens und Vorübergehens, die diesem Briefwechsel eingeschrieben sind. Doch es ist nichts von schrillem Klagen oder aufgesetzter Schwere in den Worten dieser beiden Lyriker, dafür eine beeindruckende Stille und Klarheit. Übersetzt wurden die Briefe übrigens von einem dritten Reisenden "österreichisch-slawischer" Herkunft, er "kommt von der Prosa und ist unterwegs zur Prosa", sein Name: Peter Handke.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 10. 2001)

 Von
 Stefan Gmünder


Adonis und Dimitri T. Analis:
Unter dem Licht der Zeit.
Aus dem Französischen von Peter Handke.
öS 291,-/ EURO 21,15/ 90 Seiten.
Jung und Jung, Salzburg 2001.
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