Buffalo Hill

1. November 2001, 16:55
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Sechs Uhr morgens. Nichts zu hören außer Brandons Atmen und das Knistern seiner Schuhe im Schnee.

Unter einem grauen Himmel die pechschwarze Silhouette der erhabenen Landschaft. Rechts ein Wäldchen, links ein Seitenarm des Madison River, dampfend in der Kälte. Davor das weite Land des Yellowstone National Park mit dem gewaltigen Antler Peak in der Ferne. "Dieses Land ist gemacht für den Buffalo", sagte Brandon, "er liebt die Freiheit." Und dann schwärmte der schüchterne junge Mann, bis der Morgen dämmerte und es hell wurde, über einem traumhaften Flecken Amerika. Schöner, Wilder Westen.

Das war im Februar dieses Jahres, und Brandon, 21, strubbeliger Flaum auf den geröteten Wangen, hatte bereits seinen vierten Winter hinter sich in der überall in Amerika bekannt gewordenen Blockhütte außerhalb der kleinen Ortschaft West Yellowstone, die seine zweite Heimat geworden ist. Denn Brandon liebt Bisons, verehrt diese majestätischen Tiere und liebt es, sie zu beobachten, zu studieren. Das Gedächtnis eines Elefanten, die Kraft eines Bulldozers und die Aura eines Aristokraten - so beschreibt er die Kolosse mit dem kantigen Schädel und dem zotteligen Fell. Brandon: "Als ich damals hörte, dass die letzten frei lebenden Buffalos gefährdet sind, habe ich mich sofort auf den Weg gemacht."

Als Reiseziel erfreut sich der Yellowstone, Amerikas ältester, schönster und mit 900.000 Hektar nach dem Wrangell-St.Elias in Alaska zweitgrößter Nationalpark, von jeher großer Beliebtheit. Nirgendwo auf der Welt findet man eine größere Ansammlung von Geysiren, 200 insgesamt, darunter der legendäre Old Faithful, der mit Getöse alle 65 Minuten eruptiert; dazu bilden die Rocky Mountains zusammen mit dem Yellowstone Lake und einer Vielzahl kleinerer Seen und Wasserfällen ein atemberaubendes Panorama. Bevölkert wird das Areal zudem von einer Artenvielfalt, die in den USA wohl einzigartig ist: Kojoten, Grizzlybären, Elche, Wölfe, Wapitihirsche, Steinadler und vor allem Bisons sind von den etwa 1600 Kilometer Straßen- und Wanderwegen aus zu bestaunen.

Brandon und seine Freunde von der Buffalo Field Campaign (BFC) kamen jedoch nicht als Touristen wie die Millionen von Besuchern, die jährlich registriert werden. Die BFC hat ihr Lager am Rande dieses Idylls aufgeschlagen, um eine absurde Hetzjagd zu unterbinden. Es geht um den Schutz eines amerikanischen Naturdenkmals: die letzten wilden Bisons, von denen in Nordamerika 65 Millionen existierten, als die ersten Europäer ankamen. Planwagentrecks, heißt es, brauchten damals nicht selten eine Woche, bis sie eine äsende Herde passiert hatten. Es muss ein grandioses Schauspiel gewesen sein. Was folgte, war weniger beschaulich. Die Weißen rotteten den Bison beinahe systematisch aus, weil er ihren geheiligten Kühen im Weg war und zum Feindbild wurde als Existenzgrundlage und spirituelles Symbol der Indianer, die ihn Tatanka nannten.

1902 fand man im Yellowstone nur noch 23 frei lebende Tiere, mit denen ein umfangreiches Zuchtprogramm gestartet wurde. Vor wenigen Jahren war sie auf 4000 Stück angewachsen. So weit, so wunderbar. Die Sache hatte nur einen Haken. Etwa die Hälfte der wilden Bisons aus dem Yellowstone ist mit Brucellen infiziert, einem Bazillus, der auf Rinder und Menschen übertragen werden kann. Bei Ausbruch der dazugehörigen Krankheit, Brucellose, kann es passieren, dass trächtige Rinder ihre ungeborenen Kälber verlieren; Menschen werden in aller Regel von einem heftigen Fieber befallen. Der Nationalpark liegt im Bundesstaat Wyoming, an der Grenze zu Montana. Und dort hat der Buffalo bis heute mehr Gegner als Bewunderer. Die Ranger des dortigen Department of Livestock (DOL) haben eine Verordnung erlassen, derzufolge Tiere, so sie den Park verlassen, abgeschossen werden dürfen. Montana ist besorgt um seinen Status als brucellosefreier Bundesstaat, ein wichtiges Gütesiegel für den Export von Rindfleisch.

Bisons wandern, wenn sie Hunger haben. Schließlich ist der Yellowstone einer der frostigsten Plätze Amerikas mit Temperaturen bis zu 50 Grad minus, und kein noch so massiver Schädel dringt dann durch die Schnee- und Eisdecke auf der Suche nach Grasbüscheln, die in den tiefer gelegenen Tälern Montanas leichter zu finden sind. Im bitterkalten Winter 1996/97 kam es daher zum großen Exodus der Bisons und daraufhin zu grässlichen Jagdszenen und einem Aufschrei des Entsetzens. "Wie der Wilde Westen gewonnen wurde", sagt Mike Mease, "so wird er bis heute verteidigt." 1084 Tiere wurden gemeuchelt. Der Schnee färbte sich rot, und der Chef des Yellowstone, Michael Finley, klagte: "Es ist eine Tragödie. Diese Tiere gehören nicht den Viehzüchtern von Montana, sondern den Menschen dieses Landes und ihren Kindern."

Mease, 40, ist ein imposanter Mann, groß und still, der Psychologie und Fernsehproduktion studiert hat, und das Gemetzel zunächst mit Videoaufnahmen dokumentierte, die weltweit gesendet wurden. Wenig später gründete er die BFC, die sich über Spenden finanziert, darunter großzügigen Zuwendungen des Medientycoons Ted Turner. "Wir mussten mit zivilem Ungehorsam reagieren", sagt Mease, "denn die Behörden in Montana ließen sich durch Proteste und Unterschriftensammlungen nicht beeindrucken." Die Lage war wieder kritisch geworden, denn zu den getöteten Tieren kamen 400 weitere, die aufgrund der frostigen Temperaturen verhungert waren. Inzwischen hat sich die Lage gebessert, nur noch vereinzelt berichten Mease und seine Mitstreiter über grausame Szenen, nicht zuletzt, weil sie tatkräftig dazu beitragen, dass die Bisons im Park bleiben. In den vergangenen Wintern kamen bis zu 300 Tierschützer wie Brandon, sogar aus Israel und Australien reisten junge Leute an.

Die Blockhütte außerhalb von West Yellowstone. Es ist Ende September, und das rustikale Haus mit vier Räumen ist noch verwaist. Mease ist schon da, hat sein Lager in einem Tipi am darüber liegenden Hang aufgeschlagen, von wo aus er die Aktionen der BFC koordiniert. Es wird noch eine Weile dauern, bis in der Blockhütte, in der mitunter bis zu 70 Menschen gleichzeitig hausen, das vertraute Gedränge herrscht, bis Skier, Schneeschuhe und Schlafsäcke wieder ein kunterbuntes Durcheinander erzeugen und handgestrickte Socken über dem alten gusseisernen Herd trocknen. Doch mit dem ersten Schnee werden Mease und seine Leute wieder im Einsatz sein, nach unruhigen Nächten auf Sperrholzpritschen in den grauenden Morgen schlurfen und sich auf ihre Beobachterposten machen am Madison River, hinter einem Hügel mit dem Namen Horse Butte oder am Duck Creek, direkt am Highway 191 gelegen, den neuralgischen Punkten.

Wenn sich ein Bison anschickt, den Yellowstone zu verlassen, angelockt von parfümiertem Heu und Alfalfa, das von DOL-Trupps als Köder in Fanganlagen in Montana ausgelegt wird, dann versucht die BFC, ihn zu verscheuchen, zurück in die Sicherheit zu zwingen. Nebenher stellen sie Schneemauern in die über Jahrzehnte im Herdengedächtnis gespeicherten Wanderwege der Tiere, beobachten jede Bewegung der DOL-Leute, geben alles über Funk weiter, filmen und werfen sich notfalls vor die Schneemobile der Jäger, sie blockieren ihre Fahrzeuge, ketten sich an Transporter an, um den Abtransport der Tiere zum Metzger zu verhindern. Und landen dafür natürlich im Gefängnis. Es ist eine Art Schach im Hochgebirge, fast wie damals, als die Cowboys Gewehre hatten und die Indianer nichts außer List und Tücke. Mease sagt: "Wir waren in den letzten Jahren sehr erfolgreich, inzwischen gibt es im Park etwa 2500 Bisons, doch wenn wir nachlassen in unserem Bemühen, fängt das Morden wieder von vorne an. Unser Job ist noch lange nicht getan."

Das DOL, in Montana für Viehzucht zuständig und dem Landwirtschaftsministerium ebenbürtig, sieht das genauso. Bloß andersrum. Die Sprecherin Karen Cooper sagt: "Es geht nicht um die Bisons, es geht um Gesundheit. Glauben Sie mir, wir lieben wilde Tiere genauso wie alle anderen Amerikaner auch, aber wir dürfen Menschen und Nutztiere nicht gefährden." Klingt logisch, doch: Warum wurden immer wieder Tiere gemeuchelt, die nicht einmal getestet wurden, darunter Bullen und Kälber, die in den seltensten Fällen vom Bazillus befallen sind? Der verbreitet sich hauptsächlich unter geschlechtsreifen weiblichen Tieren. Und warum die brutale Hetze im Winter, wenn nur 14 Viehweiden an den Yellowstone angrenzen, auf denen sich vor Juni keine oder nur maximal 1000 Rinder befinden? Dass auch die 140.000 Wapitihirsche des Parks von Brucellen befallen sind, stört das DOL hingegen nicht; für sie gibt es keine Lizenz zum Töten.

"Das Verhalten des DOL ist schlicht idiotisch", meint Mease, "um den Bison alleine kann es hier nicht gehen." Und Steve Torbit von der National Wildlife Federation präzisiert diese Vermutung: "Diese Hatz hat nichts mit Brucellose zu tun, sie dreht sich um die Frage: Wer kontrolliert öffentliches Land?" Wenn es so ist, dann geht sie zurück auf einen Konflikt, der seit der Besiedlung des Wilden Westens zwischen Ranchern und Regierung schwelt, die sich gegenseitig misstrauen. Der Park wird vom Innenministerium in Washington verwaltet. Miserabel, wie die Viehzüchter glauben. Da muss man nur den Rancher Richard Kinkie im Paradiese Valley fragen. Der sagt: "Sie lassen zu vielen Tieren freien Lauf, die Weiden sind übergrast, Bären und Wölfe streichen durch die Wälder und reißen unser Vieh." Jeder fünfte Einwohner Montanas ist Rancher oder lebt indirekt von der Rinderzucht. Und Kinkies Nachbar Allen Carter sagt: "Von den Viechern gibt es doch genug." Für den Mythos des Buffalo hat Carter wenig übrig: "Man kann den Indianer doch auch nicht wieder zurück verpflanzen."

Die Fronten sind nach wie vor verhärtet. Und so wird Brandon auch in diesem Winter wieder aus der Universitätsstadt Missoula in Montana anreisen, frühmorgens in die klammen Stiefel steigen und nach seinem Liebling Ausschau halten: einem mächtigen Bullen, den er "Baba" getauft hat. Wenn er von ihm spricht, glaubt man, es handele sich um einen seiner persönlichen Freunde. Umso mehr leidet er darunter, dass die BFC zwar die Attacke des DOL auf den Bison eindämmen konnte, doch einer anderen Bedrohung der Tiere hilflos ausgeliefert ist. Es ist der Tourismus. Der Yellowstone wird schon bald wieder vom Lärm der Schneemobile erfüllt sein, die dröhnen, als würde der Wald von Kettensägen zerfetzt. Bis zu 3500 Schneemobile werden in den Wintermonaten alleine in West Yellowstone täglich verliehen, und jedes verpufft zwölfmal soviel Schadstoffe wie ein Pkw und treibt die Fauna an den Rand des Wahnsinns. Zwischen verstörten Tieren und diesen Monstermaschinen steht dann selbst ein unbeugsamer Mann wie Mease und sagt resignierend: "Die Wildnis und die Freiheit des Bison ist zerstört. Wir können nur noch retten, was übrig ist."


Der Autor: Gerhard Waldherr, 41, war Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, später Reporter beim Stern, seit 1996 lebt er als freier Journalist in New York und schreibt u.a. für GEO, Stern, Süddeutsche Zeitung, ZEIT und Merian. 2001 erschien bei dtv sein Buch: Amerika, du hast es besser; Anfang 2002 wird eine Reportagen-Sammlung bei Kiepenheuer + Witsch erscheinen.

Gerhard Waldherr über die letzten wild lebenden Bisons Amerikas

Infos: Yellowstone National Park, Wyoming 82190 - 0168. Tel. 001/307/344 7381. www.nps.gov, www.travel
yellowstone.com
. Buffalo Field Camapaign, Tel. 001/406/646 0070,
www.wild
rockies.org/buffalo
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